„Paris ist immer Paris und Berlin ist nie Berlin“, sagte einst Jack Lang, ehemaliger französischer Kulturminister. Damit gab Lang auf metaphorische Weise die Natur der deutschen Hauptstadt wieder, die niemals stillsteht - oder vielleicht kann man sie sogar die Hauptstadt Europas nennen. Dieses häufig wechselnde Wesen wird nirgendwo so deutlich wie im Berliner U-Bahn-Liniennetz. Die Fahrzeuge des Berliner öffentlichen Nahverkehrs legen jeden Tag eine Strecke zurück, die einer 8,7-fachen Umrundung der Erde entspricht. In der U-Bahn begegnen Sie sowohl den wahren Berlinern als auch vielen der 500.000 Ausländer aus knapp 200 Ländern, die diese Stadt als ihre Wahlheimat gewählt haben.

Wo alles zusammen kommt

„Dieser Ort erzählt mein Leben“, sagt Stefanie Rensch über den Alexanderplatz. Er war der erste Ort, den sie sah, als sie aus ihrem 70 km nördlich gelegenen Heimatort in die Großstadt kam. An diesem Ort hatte sie eines der ersten Dates mit dem Mann, der später ihr Ehemann und Vater ihrer zwei Kinder werden sollte. Von hier aus starteten die Partynächte ihrer Studentenzeit und hier trifft sie sich mit Freunden, die sie besuchen kommen. Wahrscheinlich würden viele andere Berliner die gleiche Geschichte über den Alexanderplatz - oder auch einfach „Alex“ - erzählen. Hier läuft alles zusammen, denn an diesem Bahnhof treffen mehr U-Bahn- und S-Bahn-Linien aufeinander als an jedem anderen Bahnhof Berlins. Dieser Platz war bereits im 13. Jahrhundert ein Verkehrsknotenpunkt. Damals war es ein Durchgangsort für jene, die über das Oderberger Tor nach Berlin kamen. Nicht aus Zufall versammelten sich Jahrhunderte später, im November 1989, eine Millionen Menschen genau hier für die größte Demonstration Ostdeutschlands, die zum Auslöser des Mauerfalls wurde. Trotz der Größe und Geschichte dieses Bahnhofs ist seine Architektur nüchtern und minimalistisch. „Ich liebe die blau-grünen Farben: Die Kombination mit dem Gelb der Züge ist einfach großartig“, sagt Steffi.
STATION: Alexanderplatz
JAHR: 1913
STADTTEIL: Mitte


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Einsteins Zug

Für Werner Friedrichs ist der U-Bahnhof Bayerischer Platz das Zentrum seines Lebens. Er und seine Frau sind Mitgründer der Bürgerinitiative, die sich um dieses Viertel kümmert. Im frühen 20. Jahrhundert wohnten im Bayerischen Viertel im Ortsteil Schöneberg hauptsächlich Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle, darunter viele Juden, einschließlich Albert Einstein (der an diesem Bahnhof in den Zug zur Arbeit stieg), Erich Fromm und viele andere. Der Bahnhof wurde im Zweiten Weltkrieg schwer bombardiert, wobei einmal Dutzende Menschen in zwei Zügen starben. Später wurde er wieder aufgebaut, wobei die weiß-blauen Fliesen erhalten blieben, die die Flagge Bayerns repräsentieren. Heute vereint dieser U-Bahnhof öffentlichen Transport mit Kultur und Gastronomie. Werner schuf eine Ausstellungsfläche im oberen Teil des Bahnhofs, die heute „Cafe Haberland“ heißt. Dieses Gemeinschaftsprojekt einer Gruppe von Bürgern und des öffentlichen Sektors bietet Informationen zu früheren und aktuellen Bürgern des Bayerischen Viertels, während ununterbrochen eine Reihe von Kurzfilmen geboten wird.
STATION: Bayerischer Platz
JAHR: 1910
STADTTEIL: Bayerisches Viertel


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Aufruf zur Erhaltung

„Der U-Bahnhof Berliner Straße ist so typisch für West-Berlin, wie er nur sein kann“, sagt Udo Schmitz über diesen symbolträchtigen Bahnhof, der mit auffällig roten Paneelen dekoriert ist. Der Bahnhof gehört zu den geschäftigsten in Berlin und wurde 1971 von dem einzigartigen Architekten Rainer G. Rümmler erbaut, auf dessen Liste von Werken auch Schulen, Pavillons und drei U-Bahnhöfe stehen. Der Grafikdesigner Udo arbeitet derzeit an einem Kunstprojekt, bei dem es darum geht, den Glauben an den Fortschritt während Rümmlers Zeit in den 60ern und 70ern festzuhalten. „Bestimmte Berliner Gegenden wie der Bahnhof Berliner Straße erinnern mich an den Wohnungsbau in meiner westdeutschen Heimatstadt nach dem Krieg“, erklärt er. „Ich wünschte, die Stadt würde mehr für den Erhalt historischer Gebäude tun, wie für jene des Berlins der Nachkriegszeit“, sagt er.
STATION: Berliner Strasse
JAHR: 1971
STADTTEIL: Charlottenburg


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Architektonisches Meisterwerk

Antonio Luque verliebte sich auf der Stelle in den U-Bahnhof Deutsche Oper, als er vor vier Jahren nach Berlin kam. „Ich wollte als Architekt arbeiten und fühlte mich von der Dynamik dieser Großstadt angezogen“, erinnert er sich. Der Bahnhof, der auch in Videoclips und Filmen wie „Lola rennt“ von Tom Tykwer aus dem Jahre 1998 zu sehen ist, erregte sofort seine Aufmerksamkeit. „Seine elegante Metallstruktur begeisterte mich“, sagt Antonio. Dann fand er heraus, dass die wunderschönen Fliesen von dem portugiesischen Künstler José de Guimarães designt und der Stadt vom portugiesischen Botschafter geschenkt worden waren. „Dieser Bahnhof bildet eine perfekte Kombination aus Industriearchitektur und zeitgenössischer Kunst“, so Antonio.
STATION: Deutsche Oper
JAHR: 1906
STADTTEIL: Charlottenburg


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Hauptader der Kreativität

Die Fassade dieses U-Bahnhofs aus den 1970ern wird oft als Ölplattform bezeichnet, die mitten in Berlin abgesetzt wurde. Arthur Lagoeiro Alvarenga zufolge steckt die Berliner U-Bahn voller Reichtümer, jedoch nicht von der Art des schwarzen Goldes. „An Freitag- und Samstagabenden steigen Gruppen junger Leute der verschiedensten Bevölkerungsgruppen in die U-Bahn: Leute mit den verschiedensten Kleidern, Haaren, Hautfarben, Augenfarben...“, sagt der Brasilianer, der sich „einfach in die Freiheit, Akzeptanz und kreativen Impulse dieser Stadt verliebt“ hat. Ihn zog es nach Berlin kurz nachdem er sein Studium abgebrochen hatte. „Ich wollte mir Zeit nehmen, um ganz ohne Druck herauszufinden, was ich eigentlich wirklich wollte“, erklärt er. „Ich bin nicht ganz sicher, was passiert ist, doch plötzlich kamen aus allen Richtungen Anspielungen auf Berlin“, erzählt er weiter. Nachdem er eine Weile Couchsurfing machte, entschied er, dass dies der richtige Ort für ihn sei. „Berlin hat etwas an sich. Es bringt einen dazu, sich selbst auf eine tiefgreifende und positive Art herausfordern zu wollen und eine nie endende Suche zu beginnen nach dem, was dich zu der Person macht, die du bist“, sagt er.
STATION: Fehrbelliner Platz
JAHR: 1913
STADTTEIL: Wilmersdorf


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U-Bahn-Neueinsteiger

Als Thai Hoang vor fünf Jahren aus Vietnam nach Berlin zog, war er noch nie zuvor mit der U-Bahn gefahren. „In meinem Land gibt es als öffentliche Verkehrsmittel nur Busse“, erzählt er. Während er Deutsch lernte, lernte er auch, sich im Untergrund fortzubewegen. „Um zu meiner Sprachschule zu gelangen, musste ich sechs Monate lang jeden Tag die U-Bahn am Innsbrucker Platz nehmen. Ich erkannte sogar viele meiner Mitreisenden wieder“, sagt er. „Der Innsbrucker Platz ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt in meiner Geschichte in Berlin.“ Doch der Bahnhof ist noch aus einem weiteren Grund etwas ganz Besonderes: Die Züge der Linie U4, die hier halten, haben weniger Wagons als andere Linien, da der Bahnsteig nicht mehr als sechs Wagons Platz bieten kann.
STATION: Innsbrucker Platz
JAHR: 1910
STADTTEIL: Schöneberg


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Der Klang der Geschichte

Bei Susanne Werths Verbindung zur U-Bahn spielen Klänge eine besondere Rolle. Lange Zeit machte sie in U-Bahnhöfen Musik und ihre Gitarre hallte durch die Gänge. Als Musikerin, die sie immer noch ist, erkennen ihre Ohren die Klänge der Vergangenheit am U-Bahnhof Jannowitzbrücke wieder, der nach der nahegelegenen Brücke über der Spree benannt ist. Der Bahnhof, der den Ausgangspunkt für Bootsausflüge auf dem Fluss bildete, war während des Kalten Kriegs geschlossen, da er in Ost-Berlin lag. Die Eingänge waren vollständig zugemauert, sodass man allein ein wages Rumpeln der fahrenden Züge hören konnte - die Musik der damaligen Zeit. Die Jannowitzbrücke war der erste Geisterbahnhof, der wiedereröffnet wurde, und zwar am 11. November 1989, nur zwei Tage nach dem Mauerfall. Ab diesem Zeitpunkt konnten Susanne und andere Straßenmusiker dort spielen.
STATION: Jannowitzbrucke
JAHR: 1930
STADTTEIL: Mitte


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Der unterirdische Wald

Der U-Bahnhof Jungfernheide ist nach einem großen Wald benannt, der einst in der Nähe des Bahnhofs stand. Der Kulturaktivist Justin Raymond Merino ist der Überzeugung, dass dieser durch einen neuen Wald ersetzt wurde - und zwar unterirdisch. Merino leitet Kulturspace, ein Beratungsunternehmen für Marken und Design, das außerdem Bücher veröffentlicht und Events organisiert. Letztes Jahr wurde er von einem Fotografen kontaktiert, Claudio Galamini, der über Monate hinweg alle 173 Bahnhöfe der Berliner U-Bahn fotografiert hatte, wobei er immer auf den richtigen Moment wartete, in dem die Bahnsteige völlig leer waren. „Diese Fotos anzuschauen bietet eine surreale visuelle Erfahrung im Kontrast dazu, wenn man selbst im wahren Leben auf dem Bahnsteig steht. Dann ist man durch die Menschenmassen oft so abgelenkt, dass man ganz vergisst, die Geschichte und Kunst zu schätzen, die einen umgibt“, sagt Justin. Er beschloss mit Galaminis Fotos ein Hochglanzfotobuch zu entwerfen. „Da Berlin zurzeit das Epizentrum der kreativen und kulturellen Innovation ist, schien es der richtige Zeitpunkt zu sein, um ein Stück der reichen Geschichte dieser Stadt mit der Welt zu teilen“, sagt er. Jungfernheide ist ganz gewiss eine der Stationen, deren Farben, Schriftart und Design den Untergrund in etwas ganz Besonderes verwandeln.
STATION: Jungfernheide
JAHR: 1980
STADTTEIL: Charlottenburg


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Hommage an den Heroismus

Manche Berliner sagen, von der psychedelischen Gestaltung des Mierendorffplatz bekämen sie Kopfschmerzen. Doch die Inspiration hinter den rot, schwarz und weißen schmetterlingsähnlichen Formen entstand nicht aus einer einfachen Laune heraus. Die Gestaltung geht auf den Buchstaben „M“ zurück, wie in Mierendorff. Carlo Mierendorf, ein sozialistischer Politiker und Wissenschaftler, ist einer der Helden des stillen Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Deutschland. Leider erlebte Mierendorff die Befreiung seines Landes nicht, da er 1943 bei einem Bombenangriff der Alliierten in Leipzig umkam. Diese Hommage an Mierendorff ist Rainer G. Rümmler zu verdanken, dem berühmten Architekten aus den 1970ern. Als großer U-Bahn-Fan hat Hartmut Weidemann kein Problem mit den bizarren roten „M“s. Das ist natürlich nicht anders zu erwarten, denn er liebt alles, was auf Gleisen fährt, und führt ein Fachgeschäft für Modelleisenbahnen, in dem man auch U-Bahn-Züge findet.
STATION: Mierendorff Platz
JAHR: 1980
STADTTEIL: Charlottenburg


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Unkonventionelle Wege

Daniel Friedrichs hat jeden Tag seinen Thermo-Kaffeebecher dabei, wenn er den Zug am U-Bahnhof Neukölln nimmt. Früher hat er sich immer einen Coffee-to-go geholt, bis er eine Erfahrung machte, die das änderte. Eines Tages, als er seinen Becher für einen Moment auf dem Fahrkartenentwertungs-Automaten abstellte, kam ein Mann vorbei und stopfte seine benutzte Serviette hinein. „Als ich mich beschwerte, lachte er nur, gab mir zwei Euro und sagte: ‚Das war es definitiv wert!‘“, erzählt Daniel. Diese Geschichte ist ein gutes Beispiel für den Freigeist dieses multikulturellen Berliner Stadtteils. Der Bahnhof ist ein Bezugspunkt in dieser Gegend mit einer Fassade, die in „Neukölln Unlimited“ eine wichtige Rolle spielt, ein Dokumentarfilm von 2010 über eine libanesische Frau mit einer großen Leidenschaft für Hip Hop und Breakdance und ihre zwei Kinder, die versuchen, sich in Deutschland ein Leben aufzubauen und gleichzeitig die Einwanderungspolizei zu meiden.
STATION: Neukölln
JAHR: 1930
STADTTEIL: Neukölln


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Verliebt in tiefes Rot

„Das kräftige Rot des U-Bahnhofs Osloer Straße wird mich immer an einen bestimmten Abschnitt meines Lebens erinnern: An meinen ersten Sommer in Berlin, in dem ich nach langen Nachmittagen am See immer zu dieser Haltestelle kam; und daran, dass ich an diesem Bahnhof auf meinem Weg von der Arbeit zum Fitnessstudio immer umsteigen musste“, erzählt Isis Caceres. Die rote Farbe, die sie so beeindruckte, ist das Rot der norwegischen Flaggen, die den Bahnhof zieren. Und seinen Namen hat dieser U-Bahnhof der darüberliegenden Hauptverkehrsstraße zu verdanken, zu Ehren der nordischen Hauptstadt. „Ich als Innendesignerin fühlte mich sofort von den ungewöhnlichen, neuen Orten des Berliner Untergrunds angezogen“, sagt Isis. „Jeder einzelne U-Bahnhof mit seinen individuellen Farben und seiner Architektur stellte eine große Inspirationsquelle für mich dar und verstärkte meinen Wunsch, hierher zu kommen“, erzählt sie.
STATION: Osloer Strasse
JAHR: 1976
STADTTEIL: Gesundbrunnen


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Die Eröffnung des Bunkers

Die Pankstraße ist für Charlotte Schippmann ein Symbol für Fürsorge und Hoffnung. In der Nähe dieser Haltestelle trifft sie sich jede Woche mit einem 14-jährigen Mädchen mit Migrationshintergrund, um ihr bei ihren alltäglichen Problemen als Mentorin zur Seite zu stehen. Charlotte arbeitet ehrenamtlich bei Schülerpaten Berlin e.V., einem Verein, der sich ebenfalls in der Nähe der Pankstraße befindet. Der Verein verfolgt das Ziel, die Bildungsmöglichkeiten für Kinder zu verbessern und den kulturellen Austausch zu fördern. Die Positivität, die Charlotte mit diesem U-Bahnhof verbindet, scheint sogar von der verspielten Schriftart (Octopuss) versprüht zu werden, mit der der Name der Haltestelle geschrieben ist. Diese Station hat jedoch eine dunkle Vergangenheit. Genau oberhalb der Gleise liegt einer der wenigen verbliebenen Bunker, die Hitler in ganz Berlin verteilt bauen ließ, als er spürte, dass das Ende nahte. Dieser Schutzraum wurde während des Kalten Kriegs erhalten. Im Falle eines Atomangriffs konnten dort über 3.000 Personen einen halben Monat lang Schutz finden. Der Zugang des Schutzraums führt direkt auf den Bahnsteig des U-Bahnhofs. In Not- oder Katastrophenfällen würden dort zwei Züge anhalten, um den Passagieren in dem Bunker Schutz zu bieten.
STATION: Pankstraße
JAHR: 1977
STADTTEIL: Gesundbrunnen


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Ein geheimer Garten

Sterne an der Decke, Blumen an den Wänden und Mosaike in Gemüseform: Das sieht Kerstin Reppin jeden Tag auf dem Weg zu ihrer Arbeit. Dieser geheime Garten ist das Werk einer der wichtigsten Architekten der Berliner U-Bahn, Rainer G. Rümmler. Zur Dekoration dieses Bahnhofs gehören auch riesige Bäume, die durch geometrische Formen verziert sind und den eigentlichen Säulen des Gebäudes eine zweite Identität verleihen. Im Namen des Bahnhofs steckt auch ein Wortspiel: Paul Stern war der Eigentümer eines Pubs, das so bekannt war, dass der ganze Ortsteil in Spandau nach ihm benannt wurde. Und daher kommt auch die Stern-Verzierung der Bahnhofsdecke.
STATION: Paulsternstraße
JAHR: 1984
STADTTEIL: Spandau


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Zwischen der Mitte

„In der Nacht des Mauerfalls ging ich mit einer Freundin und ihrem Vater zum Potsdamer Platz und wir kletterten auf die Mauer“, erzählt Eleni Siozos. „Für mich steht dieser Ort für den Wandel und Wiederaufbau.“ Die Haltestelle Potsdamer Platz war von Anfang an etwas ganz Besonderes, denn sie ist der erste U-Bahnhof Berlins, der den Betrieb aufnahm. Im Jahre 1961 wurde genau darüber die Mauer gebaut. Dieser Bahnhof lag genau auf der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin und er wurde geschlossen, um zu verhindern, dass Menschen ihn nutzten, um über die Grenze zu gelangen. Der Potsdamer Platz wurde zum berühmtesten „Geisterbahnhof“ - wie diejenigen U-Bahnhöfe genannt werden, die während der Teilung der Stadt völlig stillgelegt wurden. „Ein halbes Jahr nach dem Mauerfall spazierte ich mit meiner Großmutter hier, im ehemaligen sogenannten ,Niemandsland‘ entlang der Mauer“, so Eleni. „Ich erinnere mich noch heute, wie diese Leere auf mich wirkte.“ Der U-Bahnhof wurde schließlich 1993 neu gestaltet und wiedereröffnet. Den Potsdamer Platz zieren heute erstaunlich moderne Gebäude wie das Sony Center mit einer vielseitigen Mischung aus Geschäften, Restaurants, Museen, Kinos, luxuriösen Wohnungen und mehr. „Während dies alles erbaut wurde, kam ich jedes Wochenende hierher, um die neuen Ecken der Stadt zu erkunden“, fügt Eleni hinzu.
STATION: Potsdamer Platz
JAHR: 1902
STADTTEIL: Potsdamer Platz


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Die Quintessenz Berlins

„Dieser U-Bahnhof steht für alle Dinge, die ich schon immer mit Berlin verbinde: ein berühmter Komponist, die Nazi-Vergangenheit, farbenfrohes Design und die Umwandlung alter Gebäude in etwas Neues...“, sagt George Pavlopoulos und fasst damit zusammen, warum er von diesem Bahnhof so begeistert ist. Er wurde ursprünglich von Alfred Grenander entworfen, einem der wichtigsten Architekten während der Anfänge der U-Bahn, und später von Rainer G. Rümmler umgestaltet, der aus dem Berliner U-Bahnnetz ebenfalls nicht wegzudenken ist. Als Hommage an den großen Komponisten, gestaltete Rümmler den U-Bahnhof in bunten Fliesen, die Bilder aus Richard Wagners Opern umrahmen. Zudem wurden einige Mosaike im byzantinischen Stil aus dem abgerissenen Bayernhof Hotel nahe dem Potsdamer Platz mit eingearbeitet: Diese Art der Umgestaltung und Wiederverwendung sei laut George typisch für Berlin. Doch das ist noch nicht die ganze Geschichte: Das Bayernhof Hotel war auch der Ort, an dem drei Bulgaren 1933 festgenommen wurden, im Anschluss an den großen Reichstagsbrand, den Hitler als Propagandainstrument gegen die Kommunisten nutzte. „Diese Erinnerung ist von dieser Stadt untrennbar und die Bemühungen Berlins, dieses Kollektivgedächtnis zu bewahren, sind unglaublich wichtig“, sagt George.
STATION: Richard - Wagner Platz
JAHR: 1906
STADTTEIL: Charlottenburg


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Übergangspunkt

„Der Rosenthaler Platz steht für den Ausgangspunkt einer neuen Ära“, sagt Mathias Bratsch. Dieser Platz war seit seiner Entstehung ein wichtiger Knotenpunkt. Ehemals befand sich hier das Rosenthaler Tor, eine Art Triumphbogen mit Säulen im römischen Stil und das einzige Tor, durch das Juden Berlin betreten durften. Nachdem diese Haltestelle jahrzehntelang ein Geisterbahnhof war, fungierte sie nach dem Mauerfall als Grenzübergang. „Dann kamen dort Menschen aus Ost und West zusammen: Der Ort ist ein Symbol für interkulturelles Verständnis”, erklärt Matti. Er liebt die orangefarbenen Kacheln, eine Wahl des Architekten Alfred Grenander, der die meisten älteren Berliner U-Bahnhöfe entworfen hat. „Das Logo meines Unternehmens, Vegan4Dogs, hat ebenfalls diese Farbe: Sie steht für das Verständnis zwischen verschiedenen Spezies – der nächste Schritt, der uns bevorsteht”, sagt Matti. Dasselbe Orange wurde auch für die Verpackung des veganen Trockenfutters für Hunde verwendet, das Mattis Unternehmen produziert und nach seinem eigenen Hund benannt ist, Edgar. „Wir haben die Vision, die Liebe zwischen den verschiedenen Spezies zu stärken, und der Rosenthaler Platz bietet einen reichen Erinnerungsschatz, der eine große Inspiration ist“, sagt er abschließend.
STATION: Rosenthaler Platz
JAHR: 1930
STADTTEIL: Brunnenstrasse


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Gut beschützter Juwel

Der U-Bahnhof Rüdesheimer Platz bildet den Zugangspunkt zu einem gut beschützten Juwel in Berlin: dem Ortsteil Wilmersdorf, der durch die Bombardements der Alliierten am Ende des Zweiten Weltkriegs nahezu unversehrt blieb. Unter der Herrschaft von Kaiser Wilhelm II (1888-1918) erbaut, findet man hier klassische Plätze, wunderschöne Vorgärten, aus Stein gehauene Säulengänge und rote Ziegeldächer. Dies sei einer der schönsten Flecken auf Erden, laut Julia Busch, eine Glasermeisterin, deren Werkstatt sich auf dem Rüdesheimer Platz befindet. Die Straße desselben Namens wurde von der New York Times einst als eine der 12 schönsten Straßen Europas bezeichnet. Der Bahnhof selbst ist ein vornehmer Ort mit Granitsäulen und Mosaiken des Architekten Willy Leigebel. Über dem Bahnhof findet man im Herzen des Platzes einen Blumengarten und Springbrunnen. Die Ruhe, die hier herrscht, wird in den Monaten von Mai bis September durchbrochen. Dann findet hier der „Rheingauer Weinbrunnen“ statt, ein Weinfest mit Live-Musik, bei dem Winzer aus Deutschland und Österreich zusammen kommen.
STATION: Rüdesheimer Platz
JAHR: 1913
STADTTEIL: Rheingau-Viertel


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Denkmal der Industrie

Kiran Talat kam 1970 als Gastarbeiter der zweiten Generation aus der Türkei nach Berlin. Sein Vater war bereits vor ihm hier gewesen und hatte eine kleine Schneiderei eröffnet. 1991 übernahm Kiran den Laden seines Vaters und dank ihres gemeinsamen Gewerbes gehören auch sie jetzt zu den Millionen von Berlinern. Seine Kompetenz erkennt man in der hohen Qualität seiner Textilien und den eleganten Schnitten. Kirans Schneiderei liegt direkt neben dem U-Bahnhof Siemensdamm, die selbst ein Denkmal für den Antrieb Deutschlands zu wirtschaftlicher Entwicklung darstellt, der Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben aus aller Welt anzieht. Der Bahnhof ist nach einem der größten deutschen Unternehmen, Siemens, benannt, das in der Nähe des Bahnhofs mehrere Standorte hat.
STATION: Siemensdamm
JAHR: 1980
STADTTEIL: Spandau


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Knotenpunkt der Stile

„Ich nehme sehr gern die U-Bahn, weil sich hier Menschen verschiedenster Kulturen und mit unterschiedlichen Styles begegnen“, sagt die Schmuckdesignerin Elisa Zeller. „Ich sehe zum Beispiel in meiner Nähe eine Frau mit einem interessanten Ring. Wenn ich wieder zu Hause bin, zeichne ich diesen Ring nach und bewahre die Zeichnung als Inspiration auf.“ In der U-Bahn sammelt sie nicht nur Ideen, sondern kann auch ihre zukünftigen Kunden genau studieren. Einer von Elisas liebsten Orten ist der U-Bahnhof Westhafen. Dieser liegt in der Nähe des Berliner Westhafens, einem riesigen Binnenhafen, der 1923 erbaut wurde und dessen rege Geschäftigkeit im 20. Jahrhundert die Industrielandschaft Berlins formte. Der U-Bahnhof Westhafen wurde 1961 eröffnet, kurz nach dem Bau der Berliner Mauer. Im Jahr 2000 löschten die Künstler Françoise Schein und Barbara Reiter seine düstere Vergangenheit durch eine Renovierung aus, bei der Wandtexte angebracht wurden, die Texte aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie Zitate des Schriftstellers Heinrich Heine sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch wiedergeben.
STATION: Westhafen
JAHR: 1961
STADTTEIL: Moabit


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Grenzenlose Inspiration

Die wunderschöne Jugendstil-Eingangshalle am U-Bahnhof Wittenbergplatz inspirierte die Phantasie der jungen Nele Blu, als sie zum ersten Mal aus ihrer Heimatstadt in der Lausitz nach Berlin kam. „An diesem Bahnhof machte ich zum ersten Mal Halt, und tue das auch heute noch, immer wenn ich von einer Reise zurückkomme“, erzählt sie. 1913 wurde dieser Bahnhof, der einer der ältesten von Berlin ist, vom führenden U-Bahn-Architekten Alfred Grenader erbaut. Eines seiner Gleise ziert ein rundes Schild mit dem Namen der Haltestelle im typischen rot und blau gehaltenen Stil der Londoner U-Bahn. Und das ist kein Zufall. Dieses Schild wurde 1952 von London Transport zum 50. Jubiläum der U-Bahn gestiftet. Nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt befindet man sich in einer der größten Einkaufsstraßen Berlins, wo man auch das KaDeWe findet, nach dem Harrods in London das zweitgrößte Kaufhaus Europas. Hier gibt es jede Menge Auswahl - und viele Fotos, die Nele auf ihrer Instagram Seite posten kann. „Manchmal treffe ich mich auf der Nordseite des U-Bahnhofs mit Freunden, um auf den Bauernmarkt zu gehen“, sagt sie. „An anderen Tagen schlendere ich einfach ziellos durch die vollen Straßen und lasse meinen Gedanken zwischen den vielen Menschen freien Lauf.“ Einige ihrer Gedanken schreibt Nele in ihren Blog.
STATION: Wittenbergplatz
JAHR: 1902
STADTTEIL: Schöneberg


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„Berlin ist arm, aber sexy“, sagte der ehemalige Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, der 2014 nach 13 Jahren sein Amt niederlegte. Seither durchlief die Stadt einen starken Wandel. Der amerikanische Jura-Professor, Hiroshi Motomura, lieferte eine neue Definition der deutschen Hauptstadt: „Berlin kombiniert die Kultur New Yorks, das Verkehrssystem Tokios, die Natur von Seattle und die historischen Schätze von, naja, Berlin eben.“ Das spezielle Wesen dieses vielseitigen, kreativen und modernen Umfelds liegt nicht nur auf der Oberfläche. Wenn man einen Blick in die Unterwelt dieser Großstadt wagt, erkennt man dieselbe Persönlichkeit in den Schriftzügen und Farben an den Wänden wieder.
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