Lissabons Licht ist einzigartig. Die Sonnenstrahlen leuchten spektakulär und das selbst in den Wintermonaten. Die Strahlen treffen jede Ecke ihrer Straßen. Sie beleuchten die wunderschönen Formen ihrer alten Geschäfte und Werkstätten - dem seit Jahrzehnten unveränderlichen Hintergrund seit dem Bestehen der Stadt. Das gleiche Licht scheint auch von den Leuten, die dort arbeiten, ausgestrahlt zu werden: gastfreundliche, lächelnde Frauen und Männer, die ihr Land und dessen Geschichte lieben
Animatógrafo do Rossio
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Die Höhen des Jugendstils

Die Fassade des Animatógrafo do Rossio, das ein Jugendstil-Spektakel aus Blumen, Pflanzen, Frauen mit langen, fließenden Haaren ist, lässt jeden Vorbeigehenden erstaunt stehen bleiben. Als es 1907 eröffnet wurde, war es ein Filmpalast mit 100 Sitzplätzen. Die Fliesenmalerei mit den zwei Frauen, die sich auf beiden Seiten der Kasse befinden, ist besonders schön. Zu jener Zeit wurde der Ort für andere Zwecke verwendet, darunter als Varieté und Kindertheater. Heute befindet sich im Animatógrafo eine Peepshow bzw. ein Erwachsenenkino.
Barbearia Campos - Cabelleireiro
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Barbershop für Könige und jedermann

Künstler, Schriftsteller, Politiker und Journalisten haben das Campos als ihren Lieblings-Barbershop gewählt, bzw. „Cabeleireiro“ (Frisör) wie es auf dem prachtvollen Schild im zentralen Viertel Chiado von Lissabon steht. Dieser Ort ist so elegant, dass selbst im Exil lebende Könige wie Umberto II. aus Italien und Karl II. aus Rumänien dies als Ort für ihre persönliche Pflege gewählt haben. Der Shop wurde 1886 von José Augusto de Campos gegründet und befindet sich heute noch am selben Platz. Er wird von der gleichen Familie geführt, was ihn vermutlich zum am längsten fortwährenden Barbershop in Europa macht. Selbst die Möbel, die reich dekorierten Decken und das prächtig weiße und rosafarbene Carrara-Marmor-Waschbecken sind unverändert geblieben.
Livraria Sá da Costa
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Das Zuhause für Buchliebhaber

Dies ist die Art von Buchhandlung, in der man im Flur sitzende Studenten findet oder Buchliebhaber, die stundenlang ihre Zeit mit Büchern verbringen. Selbst der portugiesische Präsident wurde hier schon gesehen. Der Schlüssel dieser Vielfältigkeit, sagt der Geschäftsführer Pedro, liege „an der portugiesischen Kunst Personen willkommen zu heißen“. Das Gebäude, das in einer Straße im Zentrum des Viertels Chiado liegt, sieht von außen betrachtet sehr besonders aus. Über dem Eingang befindet sich das Exlibris der Buchhandlung mit ihrem Motto: „instruere: construere“ (Bilden ist Erschaffen). Art Deco Schriftzüge umrahmen 2 große Fenster mit den Worten „National books“ und „Foreign books“. Im Inneren befindet sich eine Vielzahl von Manuskripten, Inkunabeln und vergriffenen Büchern neben tausenden von modernen Büchern. Diese Vielfalt an Quellen hat sich seit der Eröffnung der Buchhandlung im Jahr 1913 angesammelt. Neben der Rolle als Buchhändler hat Sá da Costa seinen Beitrag zur Landeskultur geleistet, indem er eine Sammlung von portugiesischen Klassikern veröffentlicht hat. Heute ist die Buchhandlung ein Ort für alle Arten von Veranstaltungen und nimmt auch am Artfest Lisboa teil.
Retrosaria Bijou
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Ein magischer Ort für kleine Dinge

Die Lissabonner haben im Laufe seiner hundertjährigen Geschichte eine starke Bindung zu diesem Kurzwarengeschäft entwickelt. Hinter der ordentlichen Jugendstilfassade des Geschäfts fanden sie Jahr für Jahr die besten Knöpfe, Spitzen, Stickereien, Fäden, Bänder, Verschlüsse und sogar Schmuck. Im Inneren des Geschäfts im Viertel Baixa Pombalina hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1915 nichts verändert. Hinzu kam das magische Kauferlebnis an diesem Ort. José Vilar de Almeida, der Enkel des Gründers Augusto de Almeida, glaubt, dass dieser Ort vom Lissabonner Rathaus nicht nur für dessen geschmackvolles Design, sondern auch für dessen außergewöhnliche Atmosphäre zu einem historischen Geschäft erklärt wurde: ein magischer Ort, an dem man kleine Dinge findet, um schöne Dinge zu erschaffen.
Camisaria Pitta
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Hier werden Hosenträger für Männer verkauft

Das Lissabonner Viertel Santa Maria Maior hat für Touristengeschäfte Platz gemacht, aber es gibt noch ein Geschäft, das für das alte Lissabon steht und standhaft bleibt. Das 130 Jahre alte, familienbetriebene Camisaria Pitta ist womöglich der einzige Ort in Portugal, wo man solche Dinge wie Hosenträger für Männer kaufen kann, sagt Inhaber Alfredo. Hier kann ein Mann tatsächlich alles bekommen, was er braucht, um stilsicher durch die Straßen zu gehen: Während man hier von Socken bis hin zu Hüten alles findet, hat sich das Geschäft auf maßgeschneiderte Hemden spezialisiert. Die hölzerne Optik des Geschäfts erweckt ein Gefühl von Professionalität. „Ein einladender Ort für Kunden, um ihre Privatsphäre in der Schneiderwerkstatt zu haben“, erklärt Alfredo. Das Geschäft hat bereits mehrfache Auszeichnungen erhalten und erschien in Filmen wie „Nachtzug nach Lissabon“. Aber Alfredo sagt, dass er das Gefühl hat, dass sein Geschäft heute zu den einsamen Außenseitern im Viertel zählt. „Wir würden gern mehr traditionelle Geschäfte um uns herum sehen, so dass es Kunden motiviert, durch diese Straße zu laufen und einzukaufen“, sagt er.
Sapataria e Chapeleria Lord
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Ein Fachgeschäft im Art Deco Stil

Reisende sind sofort von der schwarzen und kupfernen Fassade dieses Hüte- und Schuhgeschäfts in der Rua Augusta angetan, eine Haupt-Durchfahrtsstraße des Lissabonner Viertels Baixa Pombalina. Die Art Deco Design-Motive des Geschäfts erinnern an die Formen der Boote am nahegelegenen Fluss: Die Eingangstür, die bemalten Zeichen der eisernen Buchstaben, die wellenförmige Decke und Bedientheke. Das Geschäft bietet handgefertigte Hüte, Schuhe, Geldbeutel und Handschuhe an und steht seit der Gründung im Jahr 1940 für Qualität. 1955 begann der junge Mário da Silva, hier zu arbeiten und davon zu träumen, dass ihm eines Tages das Geschäft gehören würde. Es dauerte knapp 40 Jahre, aber der Traum ist schließlich wahr geworden. Nun möchten seine Kinder „seinen Traum am Leben erhalten“, sagt seine Tochter Ana. Das, was das Geschäft am meisten abhebt und der Grund für seinen Erfolg ist, ist die persönliche Betreuung. „Wir sind stolz darauf, diese Tradition beizubehalten“, sagt Ana.
 
Video credit Fabio Tabacchi

Casa das Aguas
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Von einem Trend zum nächsten

Dieser Ort war mal ganz anders als das Geschäft, das 1907 eröffnet wurde. Damals wurden dort Wassergläser verkauft! Leute kamen hierher, um alle Arten von Thermalwasser zu trinken: schwefelartig, mit Kohlensäure versetzt, jodhaltig, eisenhaltig, usw. Für jede Krankheit gab es die richtige Art von Wasser. Nach diesen glorreichen Zeiten machte es eine Kehrtwende und wurde zu einem Tabakladen, fiel dann langsam in Vergessenheit bis vor einem Jahrzehnt, als ein Vintage-Liebhaber es wieder zu etwas Besonderem umgestaltete. Wenn man heute einen Blick in dieses winzig kleine Geschäft wirft, kann man wunderschöne, merkwürdig geformte Lampen, Vintage-Schachteln, alte Postkarten, Kennzeichen, Fliesen, Fahnen und Vinyl-LPs neben weiteren Kuriositäten finden.
Livraria Bertrand
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Die weltweit älteste Buchhandlung

„Wir sind schon seit so langer Zeit Teil des kulturellen Lebens von Lissabon, so dass wir davon überzeugt sind, dass unsere Geschichte ein Teil der Stadtgeschichte ausmacht und der Geschichte der Bücher Portugals“, sagt Paulo, der Geschäftsführer der Bertrand Buchhandlung. Diese altehrwürdige Ladenfassade aus blauen Azulejos ist typisch für Chiado, ein Viertel, das ganz in der Nähe des Herzens der portugiesischen Hauptstadt liegt. Allerdings geht die Bedeutsamkeit dieses Platzes weit über Portugal hinaus: Bertrand ist die am längsten betriebene Buchhandlung der Welt. Eine Besonderheit, die Massen von Besuchern jedes Jahr anzieht. Sie wurde 1732 von einem Franzosen namens Pedro Faure gegründet und ging nach dessen Tod an die Bertrand Gebrüder. Knapp drei Jahrhunderte lang hat die Buchhandlung bedeutende Ereignisse miterlebt, darunter ein Erdbeben und zwei Bürgerkriege. Aber das, was Paulo am stolzesten macht, ist sein Anteil an der portugiesischen Kultur. José Fontana, einer der Gründer der Sozialistischen Partei des Landes, hat hier gearbeitet und hat sich innerhalb dieser Wände das Leben genommen. Der portugiesische Schriftsteller Aquilino Ribeiro mochte die Buchhandlung so sehr, dass er dort einen Raum für sich allein hatte. Heute hat Bertrand die Rolle des Flaggschiffs des internationalen Verbundes der Buchhandlungen inne, die „weit über das Verkaufen von Büchern“ hinausgeht, sagt Paulo. Sie bietet ein reiches Kulturprogramm an, unter anderem den monatlich stattfindenden Ler no Chiado Club. Zudem wird immer noch das eigene Bertrand Marken-Kartenspiel (mit Karikaturen von Schriftstellern) und der 76 Jahre alte Literatur-Almanach verkauft.
Joalharia Do Carmo
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Eine in Gold geschriebene Geschichte

Die Geschichte der Stadt könnte anhand der Goldgeschichte erzählt werden, die sie durchlebt hat. Seit der Gründung im Jahr 1924 ist das Lissabonner Schmuckgeschäft Joalharia Do Carmo ein Teil der Geschichte. In diesem Schmuckgeschäft wurden Dutzende von Goldstücken für Schiffstaufen gefertigt. Während des Zweiten Weltkriegs haben viele Juden, die aus Europa flüchteten, hier ihr Gold verkauft, um ihre Flucht zu bezahlen. „Ich habe dadurch etwas gelernt: Ich verstand, dass in Zeiten von Krieg und Aufruhr der wertvollste Besitz Gold, Münzen und Edelsteine sind, da Geld seinen Wert verliert“, sagt Alfredo, der Neffe einer der Gründer, dem heute das Geschäft gehört. Fotos, die an den Fenstern des Geschäfts hängen, zeigen einige dieser Schlüsselmomente seiner Geschichte. Sie zeigen auch, dass sich in seinem 55-jährigen Bestehen nichts an der Fassade und an den Möbeln geändert hat. „Auch die Art und Weise wie Kunden bedient werden, ist gleich geblieben“, sagt Alfredo. Obwohl das Schmuckgeschäft Joalharia Do Carmo immer noch an portugiesischen Produkten festhält, wie beispielsweise lokaler Filigranschmuck aus Gold, hat es sich an das heutige touristische Lissabon angepasst und bietet nun auch schöne Miniaturen der städtischen Straßenbahnen an, die an Ketten oder Armbändern angehängt werden können.
Casa Buttuller
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Kriegsuniformen und -ausstattung

Uniformen können geschichtsträchtiger sein als jedes andere Kleidungsstück. Aus diesem Grund sind viele der Stammkunden des Militärbekleidungsgeschäfts Casa Buttuller eher Freunde als Kunden. „Sie erzählen mir Geschichten des Guerra do ultramar [portugiesischer Kolonialkrieg] und manchmal sehe ich sie weinen“, sagt Maria, die Geschäftsführerin. „Andere Kunden bringen ihre Enkelkinder mit, um ihnen zu zeigen, wo sie ihre erste Uniform haben anfertigen lassen. Und manch ein Unbekannter kommt ab und zu mit einem Geschenk für uns vorbei“, erklärt sie. Einige Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen, wurden von diesem Geschäft in Portugal und darüber hinaus bedient: An der Wand hängt ein eingerahmter Brief, der vom Buckingham Palast 1982 verschickt wurde, als Dank für die erbrachte Arbeit für die Queen. Das Geschäft wurde 1847 als Hut- und Schuhgeschäft eröffnet und wechselte dann aber während des Ersten Weltkriegs zu Uniformen, Metall- und Stoffabzeichen, Holster, Feldflaschen, Flaggen und anderen Dekorationen über. Der Inhaber ging nach Paris und überließ die Geschäftsführung Maria, die es so führt, als ob es ihr eigenes Geschäft wäre, weil „es ihr sehr viel bedeutet“, sagt sie.
Luvaria Ulisses
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Aus Liebe zu Handschuhen

Die 1923 entstandene neoklassizistische Fassade und das Interieur, das mit Empire-Möbeln dekoriert ist, lassen dieses Geschäft wie einen Tempel aussehen. Und es ist auch eine Art Heiligtum: Es ist das letzte Geschäft in Portugal, dass ausschließlich Handschuhen gewidmet ist. Seit seiner Gründung im Jahr 1925 im Lissabonner Viertel Chiado kommt praktisch das „Who's Who“ der portugiesischen Society durch die Tür auf der Suche nach genau dem richtigen Paar Handschuhen für den jeweils passenden Anlass. „Wir haben eine große Vielfalt an Modellen, daher ist es schwierig eines davon hervorzuheben. Aber was mich wirklich stolz macht, ist unsere Fähigkeit Sonderwünschen nachzukommen, egal wie speziell sie auch sein mögen“, sagt der Mitinhaber Carlos Carvalho.
Tous - Ourivesaria Alianca
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Das portugiesische Versailles

Die Löwenkopf-Skulpturen, Medaillen und floralen Elemente dieses Juweliergeschäfts rechtfertigen seinen berühmten Namen: das portugiesische Versailles. Sobald man das Geschäft betritt, gibt es noch mehr zu bestaunen: das wunderschöne Gemälde von Artur Alves Cardoso, das unter den Stuckelementen der Decke zum Vorschein kommt. Dieses Juweliergeschäft wurde 1914 prächtig geschmückt - 11 Jahre nach dessen Eröffnung im Jahr 1903. Dieses Lokal war schon immer genauso prächtig wie der Schmuck, der dort verkauft wird: Es hat zahlreiche nationale und internationale Schmuck-Auszeichnungen erhalten. 2012 stand es kurz vor dem Ende seiner bedeutenden Geschichte. Aber dann übernahm die Tous Company und renovierte es, wobei die originalen Details erhalten und der Status als eines der größten Geschäfte Portugals wieder hergestellt wurde.
Au Petit Peintre
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Der Garten der Künstler

„Der Garten meines Lebens“: So beschreibt José Manuel Fragueiro Dominguez sein Geschäft im Zentrum von Lissabon. „Alles hat an und für sich etwas Schönes“, sagt er über die Produkte, die er verkauft: Schreibwaren, Farben, Drucke, Stifte und alle Arten von Bildern. Er und seine Frau Maria do Céu Inácio Martins Manuel tun alles für diese kleine Ecke mit Schreibwaren- und Künstlerbedarf im Zentrum von Lissabon. Es ist über ein Jahrhundert vergangen seit der Gründung im Jahr 1909 durch António Franco, ein Familienmitglied von Josés Patenonkel, der ihm das Geschäft hinterließ. Die goldenen Jugendstil-Buchstaben ihres Schildes waren eine Inspiration für die Lissabonner Künstlerszene, der unter anderem einige der besten Maler Portugals angehören: Carlos Reis, António Silva, Mestre Malhoa, Mestre Medida, Alfredo Morais und Real Bordalo. Als Zentrum der künstlerischen Kultur Portugals hatte das Geschäft seine Blütezeit in den 1920er Jahren, als es das „Jornal da Mulher“ herausgab, ein Frauenmagazin, an dem viele wichtige Personen beteiligt waren.
Ginjinha Sem Rival
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Lissabons flüssige Essenz

Nuno Gonçalves ist ein Mann mit einem Sitz ganz vorn in der Lissaboner Gesellschaft. „Vom Ministerpräsident bis hin zum Landstreicher - eder hat in unserem Geschäft schon einen Likör getrunken: Es steht für Authentizität, Antiquität, Emotion, Exklusivität und vor allem für Lissabon, Lissabon, Lissabon“, sagt er. Der Laden ist klein, aber gut bestückt. Lissabonner kennen es unter dem liebevollen Namen „Ginjinha das Portas de Santo Antão“ (der Name der alten Straße, in dem es sich befindet). Ginjinha steht für die beiden Kirschliköre, die dort inmitten von freimaurerischen Symbolen verkauft werden. Nunos Urgroßvater, der den Laden im Jahr 1890 eröffnete, war ein Freimaurer. Seitdem sind diese Liköre zu einem Symbol von Lissabon geworden. Vor allem „Eduardino“, dessen Name vom spanischen Clown und Freund des Gründers stammt, trank ihn bevor er in der Nähe des Coliseu dos Recreios auf die Bühne ging.
Manteigaria A Minhota
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Lissabons Zeitkapsel

Wenn man bereit ist, die von den Menschenmassen genutzten Pfade zu verlassen, und eine andere Seite des realen Lissabons betreten möchte, dann sollte man sich auf den Weg zu Rua de S. José machen, eine enge Straße mit Fenstern, die von Stoffvorhängen verdeckt sind. Man kann das Ziel nicht verfehlen, da man es an der schönen Fliesenmalerei einer Minhota (Rindvieh) oder an einer in traditioneller Tracht gekleideten Frau erkennt, die ein Kopftuch trägt und ein Rind an ihrer Seite hat. Das Manteigaria bzw. die Milchbar gibt es seit 1917 und es hat sich seitdem nicht viel verändert: Es ist eine bezaubernde Kapsel einer einfachen und langsameren Zeit. Hier sind hauptsächlich ältere Männer anzutreffen, die ihren Kaffee trinken und Zeitungen lesen. Der Besitzer ist allerdings nicht der Ansicht, dass er viel modernisieren muss, da er weiß, dass jüngere Menschen den Retro-Charakter der Bar schätzen.
Pequeno Jardim
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Ein Garten im Treppenhaus

Dieses historische Blumengeschäft, das sich in einem Gebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts befindet, trägt ein Schild mit goldenen Buchstaben und ist vollgepackt mit Blumen und Pflanzen. Es wurde 1922 angemeldet, aber seine Geschichte als städtische Oase geht noch viel weiter zurück. Das, was den Pequeno Jardim - den Kleinen Garten - allerdings am meisten auszeichnet, ist die Tatsache, dass sich dieses Blumengeschäft im Treppenhaus eines Gebäudes befindet. Das Geschäft wurde schließlich Virgílio Madeira Gante übergeben, einem Mann, der im Alter von 8 Jahren begann, dort zu arbeiten, bis er 80 wurde. 2003 ging es in den heutigen Besitz von Elisabete Monteiro über. „Seit dem ersten Tag habe ich an das Projekt mit meinem ganzen Herzen festgehalten, da ich wusste, dass dieser Ort aufgrund seiner Geschichte und Beständigkeit respektiert würde“, sagt sie. Das Geschäft wurde in vielen Fernsehberichten, Filmen und Werbungen gezeigt. Aber das, was für Elisabete am meisten zählt, sind die frischen und trockenen Blumen, die Pflanzen und dekorativen Artikel, die den Namen des Blumengeschäfts tragen.
Casa Macario
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Das Duo Kaffee und Portwein

„Wir haben Kunden der dritten Generation: Schon die Großeltern kauften hier Kaffee und die Enkelkinder kommen immer noch, um in der Casa Macario Kaffee zu kaufen. Einige Kunden haben ihre eigene, ganz persönliche Kaffeemischung“, sagt Luis Torres, dessen Familie das Geschäft seit 1974 gehört. Die Entstehung des Geschäfts geht bis zu einem Jahrhundert zurück, als Macario Moraes Ferreira damit begann, seinen in Angola angebauten Kaffee zu verkaufen. Bereits seit Jahrzehnten spielt das Gefäß, in dem der Kaffee im Geschäft verkauft wurde, eine zentrale Position in der Geschichte Lissabons. Dieser Ort war es auch, an dem der frühere Präsident Mario Soares erfuhr, dass sein Vater durch das politische Regime, das zu jener Zeit an der Macht war, in Haft genommen wurde. Neben Kaffee wird im heutigen Casa Macario auch Wein, Liköre, Whiskeys genauso wie Schokolade, Marmelade und Tee verkauft. Mehr als die Hälfte der Verkäufe werden durch Portwein gemacht. Luis hat unter anderem Flaschen aus dem Jahr 1900 und er hat einen geheimen Traum: offiziell das „Haus des Ports“ in Lissabon zu werden.
Hospital de Bonecas
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Letzte Rettung für Puppen

1830 war Lissabon noch dabei, sich von dem furchtbaren Erdbeben von 1755 zu erholen. Dort, wo das All Saints Hospital vor seinem Einsturz stand, wurde in jenem Jahr ein kleineres und etwas anderes Hospital eröffnet. Die Patienten waren keine Menschen, sondern Puppen. „Seitdem“, sagt Manuela, die Chefärztin des Geschäfts, „heilen wir die Krankheiten der Puppen und die Saudade [Weltschmerz] unserer Kunden“. In diesem bemerkenswerten Geschäft und Puppenmuseum ist es noch möglich, Inschriften und Gräber von dem Hospital vor dem Erdbeben zu sehen. „Das Schicksal veränderte den Ort des Schmerzes und Todes zu einem anderen, bei dem es nur Tränen gibt, wenn man an seine Kindheit denkt“, sagt Manuela, Ärztin mit einer poetischen Seele. Neben der Reparatur von beschädigten Puppen werden hier auch neue Puppen mit handgemachter, traditioneller portugiesischer Kleidung sowie Stofftiere,mechanische Spielzeuge und andere Dinge verkauft. Kein Wunder, dass das Hospital de Bonecas zu Aufführungszwecken in Theatern, Filmen, Aufnahmen und sogar für Modeschauen genutzt wurde.
Soares e Rebelo
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Pflanzen-Nirwana

Möchten Sie die Zutaten für Ihre Sopinha Lusitana (portugiesische Suppe) selbst anbauen? Hier finden Sie buchstäblich alle Samen der lokalen Küche, von Rüben, Tomaten, Radieschen, Zwiebeln, Kohl, Bohnen und Erbsen. Und die Liste geht noch weiter. Bei Soares e Rebelo findet man auch Werkzeuge, Bücher und Dünger, die man für die richtige Anwendung in der urbanen Gartenarbeit benötigt. Die grüne Holzfassade ist mit altbemalter Werbung der Hausmarke dekoriert: „Hortelao“. Das Geschäft wurde 1935 in der Praça da Figueira gegründet, einem Marktplatz in dem damals Leute vom Lande kamen, um ihre Produkte zu verkaufen. Die Idee hat sich nicht verändert: Einfache Saatgutsäcke füllen die Holzregale des Geschäfts. Aber Soares e Rebelo sind nicht in der Zeit stehen geblieben: Mit Online-Power auf ihrem Feld, liefern sie ihr Saatgut an internationale Kunden.
Confeitaria Nacional
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Sechs Generationen Süßwaren

Die Medaillen auf der Vorderseite der Confeitaria Nacional wurden bei internationalen Auszeichnungen in Philadelphia, Wien und Paris gewonnen und zählen zu den jüngsten Ehrungen, die diese 1829 gegründete Lissabonner Konditorei und Bar erhalten hat. Momentan wird die Confeitaria von der sechsten Generation der Gründerfamilie geführt und wurde 1873 zum Lieferanten der portugiesischen Königsfamilie. Noch heute beliefern sie das Büro des Präsidenten. Ihre Spezialität ist der traditionelle Keks Bolo Rei, der Rosinen, kandierte Früchten und Nüsse enthält. Er basiert auf dem französischen Rezept „Gateau des Rois“ und wird nur zwischen November und März verkauft. Eine historische Anmerkung: Die Confeitaria Nacional hatte so viele wichtige Kunden angezogen, dass sie zum ersten Ort wurde, das Telefone in Lissabon hatte.
Cafe a Brasileira
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Kaffee und Kultur

Brasilianischer Kaffee, der heutzutage zu den besten Kaffees der Welt zählt, hatte im frühen 20. Jahrhundert noch nicht sehr viele Fans. 1905 kam ein Portugiese, der in Brasilien gelebt und dort Kaffee angebaut hatte, in sein Heimatland zurück und eröffnete A Brasileira in der Hoffnung, mit seinem Getränk zu überzeugen. Das Kaffeegeschäft konnte einige Menschen bekehren, aber was viel wichtiger ist: A Brasileira wurde nach dem Beginn der Portugiesischen Republik mit dem Recht auf Versammlungsfreiheit im Jahr 1910 zu einem Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle. Die Kulturikone Revista Orpheu wurde dort konzipiert und 1925 wurden im Café 11 Gemälde von sieben Künstlern der neuen Generation ausgestellt, als Statement zugunsten des modernen Stils. 1971 wurden weitere 11 Gemälde von zeitgenössischen Künstlern zur Schau gestellt, um das Neue ein weiteres Mal zu bestätigen. Der Schriftsteller Fernando Pessoa besuchte das Lokal so häufig, dass seine Anwesenheit mit einer Bronzestatue verewigt wurde.
De Sousa & Silva
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First stamp-seller in Portugal

Das erste Geschäft, in dem man in Portugal Briefmarken erwerben konnte, gibt es auch heute noch und es ist an der feinen Holzfassade zu erkennen. Das Geschäft wurde 1819 im Zentrum Lissabons eröffnet und ging von der ursprünglichen Gründerfamilie in andere Hände über. Heutzutage wird dort eine Reihe von landeseigenen Produkten verkauft, wie beispielsweise Taschen, Lederwaren, Visitenkarten und selbst Trophäen. Die Geschäftsführerin Fernanda Igrejas ist besonders stolz darauf, Waren aus Kork im Angebot zu haben, was zu einem typisch portugiesischen Material gehört, das zur Herstellung von besonderen Objekten verwendet werden kann.
Chapelaria Azevedo Rua
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Ein Hut für jeden Kopf

Wenn man sich in den geheimnisvollen und hypnotischen Lissaboner Schriftsteller Fernando Pessoa hinein versetzen möchte, sollte man in Betracht ziehen, den klassischen Filzhut aufzusetzen, den der Schriftsteller auf fast all seinen Fotos trägt. Der richtige Ort, um einen zu erhalten, ist das Hutgeschäft Azavedo Rua, das sich im Lissabonner Viertel Rossio befindet. Die Geschichte des Geschäfts ist in sich schon ziemlich literarisch. 1886 stand der Weinmacher aus Porto no Douro namens Manuel Aquino de Azevedo Rua aufgrund eines Reblaus-Ausbruchs am Rande des Bankrotts. Er lieh sich von einem Priester-Onkel Geld, um das Hutgeschäft in Lissabon zu eröffnen und im Gegenzug bekamen die Mitglieder des Klerus große Rabatte. Später spezialisierte sich das Geschäft auf die Hutherstellung für die Theaterstücke am nahegelegenen Nationaltheater D. Maria II und für Dreispitze für Stierkämpfer. Einige Modelle haben sich seit 1886 nicht verändert; andere wiederum sind nach Angaben der Kunden maßgeschneidert. „Wir versuchen stets, einen Hut für jeden Kopf zu finden“, sagt Pedro.
Casa dos Ovos Moles de Aveiro
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Weiche Eier und vom Kloster gemachtes Konfekt

Das Ovos Moles de Aveiro zählt, laut einer Umfrage der Portugiesen selbst, zu einem der 10 Dinge, für die sich eine Reise nach Portugal lohnt. Die „weichen Eier von Aveiro“ sind eine Delikatesse aus Eigelb und Zucker. 2013 haben Filipa Cordeiro und Maria Dagnino mit dem Verband der Ovos Moles Hersteller zusammengearbeitet, um ein Geschäft in Lissabon zu eröffnen, das dann als Aushängeschild der traditionellen Süßwaren agieren sollte. „Mit diesem Projekt möchten wir die portugiesischen Bem-Fazer [gut Gemachtes] vorstellen“, erklären sie. Zusätzlich zu den weichen Eiern verkaufen sie eine große Auswahl an Konfekt, das von Klöstern kommt: Traditionelle Süßwaren, die in Klöstern seit mehr als fünf Jahrzehnten aus Zucker und Eigelb gemacht werden.
Teatro Tívoli BBVA
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Die Szenerie der Gesellschaft

Unter der schwarzen Kuppel hinter der neoklassizistischen Fassade des Tívoli Theaters und in der Lissabonner Avenida da Libertade wurden schon einige Geschäftsverträge geschlossen und über politische Aktivitäten entschieden. Das 1924 erbaute Theater wurde schnell zu einem Treffpunkt der Oberschicht, da nur sie sich den Eintritt leisten konnte. Als es eröffnet wurde, war das von dem Architekten Raúl Lingo konzipierte Gebäude, das modernste Theater der Stadt. Das Theater ist im Stile von Louis XIV dekoriert und verfügt über 1.114 Sitzplätze. Zudem wurde es neu ausgestattet, um aus einem Stummfilmkino ein Tonfilmkino zu machen. In der Hochphase seiner Beliebtheit wurde es von der gebietsansässigen Gesellschaft betreut und die Karnevals- und Neujahrsfeiern waren ein Muss für jeden, der in dieser Stadt etwas auf sich hielt. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ging es jedoch bergab und es wurde in Betracht gezogen, das Theater als Hotel zu nutzen oder gar abzureißen. 2012 hat die Theaterproduktionsfirma UAU es letztendlich gekauft und renoviert, um dem Gebäude wieder seine ursprüngliche Funktion zurückzugeben.
Pastéis de Belém
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Von den bescheidenen Anfängen bis hin zum nationalen Symbol

Das kleine Pastéis de Belém ist wahrscheinlich das bekannteste portugiesische Gebäck. Diese Törtchen aus Eiern werden immer noch dort hergestellt, wo sie 1834 ihren Ursprung fanden: in der Rua de Belém, hinter einer wunderschönen Fassade von originalen Azulejos. Und sie stellen die Pastéis immer noch von Hand her (wenn auch zu mehreren, um der Nachfrage gerecht zu werden), was dank ihrer 170 Mitarbeitern möglich ist. Das Gebäck wurde bis 1834 im benachbarten Kloster Mosteiro dos Jerónimos hergestellt, als alle Klöster in Portugal geschlossen wurden und der Klerus als Folge der Liberalen Revolution in Portugal vertrieben wurde. Ein geschäftstüchtiger Mönch begann im umliegenden Viertel Belém mit dem Verkauf der Pastéis, um seinen Lebensunterhalt davon zu bestreiten und fand Kunden, die Besucher des Klosters waren. Ein paar Jahre später hat ein gewisser Domingos Rafael Alves eine Fabrik gegründet, um die Produktion gemäß „dem Geheimrezept“ des Klosters zu vergrößern. Zu dem Zeitpunkt waren es bekannte Namen wie Amália Rodrigues, Jorge Amado und Fernando Peça, die das Gebäck regelmäßig kauften. Heute ist das Viertel zu einem Teil Lissabons geworden, aber die Heimstätte des Gebäcks ist immer noch dort und das Rezept ist dasselbe geblieben.
Fábrica das Enguias
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Lissabons erste Aalfabrik

1942 erfuhr die portugiesische Stadt Aveiro einen starken Anstieg in der Aalpopulation, die die Nachfrage dadurch deutlich überstieg. Eine geschäftstüchtige Familie machte sich dies zum Nutzen und erfand ein Einlegeverfahren, um die Aale zu konservieren. Als die Aalpopulation wieder zurückging, hatten sich die Portugiesen an die köstlich eingelegten Aale der Fábrica das Enguias (Aal-Fabrik) gewöhnt. Die Familie setzte ihr Geschäft fort und so kam es, dass sie in jenem Jahr ihren ersten Laden in Lissabon eröffnete. Hinter der Fassade der traditionellen Konservenbüchsen, die im Art Deco Stil gemalt sind, preist Ana Godinhos Team Einheimischen ebenso wie Besuchern den verborgenen Genuss des Aals an. „Seit unserer Eröffnung haben wir Kochkurse gegeben, um zu zeigen, wie vielseitig unsere eingelegten Aale sein können“, sagt sie. Sie werden traditionell mit Ofenkartoffeln gegessen, aber in neueren Rezepten findet man Aal mit Gemüserisotto, Aal-Tapas mit Tomatenmarmelade oder eine spezielle Aal-Soße mit Zwiebeln und roten Paprika.
Manteigaria Silva
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Ein Muss für ein Weihnachtsfestessen

„Ich wollte schon immer auf ein paar Quadratmetern das Beste der portugiesischen Gastronomie zusammenstellen“, sagt José Branco, der einen guten Job gemacht hat, um dieses Ziel zu erreichen. Sein gastronomisches Mekka befindet sich im Zentrum Lissabons und bietet Käse, Nüsse, Würstchen, Schinken, Wein und Dorsch an. „Es ist das wahre und authentischste Essen Portugals“, sagt er. Das Geschäft zählt zu den Wahrzeichen Lissabons und vor einem Weihnachtsessen muss man hier einen Stopp eingelegt haben. „Viele Enkelkinder kommen hierher, um das zu kaufen, was ihre Großeltern bereits hier kauften“, sagt José. Die Spezialität dieses wundervollen Geschäfts, das 1890 gegründet wurde, ist der Serra da Estrela Käse, der mit viel Geduld und Sorgfalt im Laden selbst gereift wird.
Farmácia Morão Herdeiros
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Das Erbe des kundennahen Services

Die drei gewölbten Eingangstüren aus Holz und der vertikale Teppich aus wunderschönen darüberliegenden Azulejos sind schon seit mehr als einem Jahrhundert an dieser Ecke des historischen Graça Viertels in Lissabon zu finden. 1896 wurde die Apotheke von Helenas Urgroßvater eröffnet. „Wir sind ein Geschäft mit Kundennähe, das sich auf die Bedürfnisse unserer Kunden konzentriert“, sagt sie. Zeit vergeht und Mode ändert sich, aber die Aufgabe bleibt immer die gleiche. Wie dem auch sei, das Geschäft hat es geschafft, sich dem Gesundheits- und Medizinwandel anzupassen, und bietet Produkte für Dermokosmetik, Phytotherapie und Homöopathie an. Das Interieur wurde auch moderner gestaltet, aber ohne die originale Architektur zu verändern.
Was haben wir erfahren?
Wenn man die schönsten Geschäfte Lissabons betritt, kann man die Stadt in einem ganz anderen Blickwinkel sehen. Es herrscht dort eine Authentizität, ein Abbild dessen, was die portugiesischen Genies durch ihr Handwerk und ihre Kreativität aus den großartigen geschichtlichen Ereignissen gemacht haben. Die Lissabonner Handwerker und Händler scheinen die Sonne der Stadt in sich zu tragen: Sie stehen stets bereit, einem die Hand zu reichen und einen willkommen zu heißen. Vergessen Sie nicht, ein paar von ihnen zu treffen, wenn Sie in Lissabon zu Besuch sind.
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