Durch London zu laufen, ist wie von einem Planeten zum anderen zu wandern.

In einem Moment befindet man sich im East End, umgeben von Künstlern und Restaurants mit Spezialitäten aus Bangladesch. Wenn man die Straße überquert, steht man inmitten von Anzugträgern und Rolexliebhabern. Dann steht man auf einmal auf einer Terasse in Islington im georgianischen Architekturstil. Einige Meter weiter findet man sich im Schatten von Wolkenkratzern wieder. Londons Vielseitigkeit ist das Ergebnis einer Geschichte, die von fortwährenden Veränderungen geprägt ist. Seit dem Großen Brand im Jahre 1666, bei dem fast alle mittelalterlichen Gebäude zerstört wurden, hat sich die Stadt stetig erneuert. Diese ständigen Veränderungen spiegeln sich auch in den Böden der Restaurants, Geschäfte, Kirchen und Wohnungen Londons wider und bilden ein großes, heterogenes Flickwerk, das voller Überraschungen steckt. Deshalb wurde eine Gruppe von Connoisseurs der Londoner Böden auf die Arbeiten des deutschen Fotografen Sebastian Erras aufmerksam, der die „heißen Pflaster“ in Paris, Venedigund Barcelona aufgenommen hat.Nachdem sie ihm einige Fotos von Fußböden ihrer Stadt zeigten, konnte er nicht widerstehen und unternahm noch einmal eine Reise (jetzt aber wirklich die letzte).
Bibendum
Bibendum
Stanhope Gardens
Stanhope Gardens
Peter Jones Store
Peter Jones Store
Nunhead Green
Nunhead Green
Bloomsburry Coffee House
Bloomsburry Coffee House
Nunhead Green
Nunhead Green

Kaleidoskopische Farben

In London gibt es einen Ort, an ich die Seele der Stadt erkennen konnte – ich konnte sogar darauf laufen. In der Halle eines historischen Gebäudes von 1911 in der Fulham Road findet man das große Bibendum: ein Mosaik mit dem aus weißen Reifen bestehenden, berühmten Michelin-Männchen. Hier wurde eine Technik, die älter als das Römische Reich ist, auf die Automobilindustrie ­– den Inbegriff des modernen Zeitalters – übertragen. Diese eigenartige Mischung aus alter Tradition und dem neuesten Fortschritt begleitete mich während meines gesamten Spaziergangs durch London. Das Bibendum ist jedoch nur eine Facette der mosaikverliebten Stadt. Ihr berühmtestes Werk ist der im Jahre 1268 entstandene Kosmaten-Boden in der Westminster Abbey: ein gut 7,5 Quadratmeter großes, komplexes Juwel aus bunten Steinchen geometrischer Formen, wie Dreiecken, Vierecken, Kreisen und Quadraten, aus glänzendem Onyx, Porphyr, grünem Serpentin, gelbem Kalkstein und farbigem Opakglas. Als es der Architekt Gilbert Scott im späten 19.Jahrhundert restaurierte, löste er damit ein Wiederaufleben der viktorianischen Zeit aus, das die Stadt in ein Kaleidoskop von Mosaiken verwandelte.
Hispania
Hispania
Duck & Waffle
Duck & Waffle
Bar Pepito
Bar Pepito
Dishoom Shoreditch
Dishoom Shoreditch
Honey & Co.
Honey & Co.
Fabrique Bakery
Fabrique Bakery

Die ganze Welt an einem Ort

Wenn man einem Außerirdischen einen Überblick über die Menschen geben müsste, wäre Londons bunte Mischung ein guter Ausgangspunkt. Das erkennt man schon an der unglaublichen Vielfalt der Restaurants. Der berühmte Londoner Foodie Leyla Kazim zeigte mir ein paar Orte, die nicht nur ihrer Vorliebe für gutes Essen, sondern auch für schöne Böden gerecht werden. Unseren ersten Stopp legten wir bei Honey & Co. mit seinem maurischen Fliesenboden und seiner Mittelmeerküche ein. „Dies ist das erste Solo-Projekt des israelischen Paares Sarit Packer und Itamar Srulovich, das 12 Jahre lang entstand ­– ein echtes Kind der Liebe“, erzählte mir Leyla. Dann gingen wir ins Hispania mit seiner großartigen spanischen Küche und dem wunderschönen Boden von Lorenzo Castillo, einem der 50 besten Innenarchitekten der Welt. Als nächstes folgte Dishroom, das Leyla als inspiriert von „iranischen Cafés, die man einst in Bombay finden konnte und in den 1930er Jahren von zororastrischen Immigranten eröffnet wurde“ beschreibt. Schließlich durften wir auch nicht die britische Küche von Duck & Waffle verpassen, die in der 40. Etage des Heron Towers (das höchste Restaurants des Vereinigten Königreichs) liegt und mit einem Schnellaufzug erreichbar ist, der fünf Meter pro Sekunde zurücklegt.
Aesop
Aesop
Cabana Islington
Cabana Islington
Sushisamba
Sushisamba
Rococo Chocolates
Rococo Chocolates
Sketch
Sketch
Kupp Cafe
Kupp Cafe

Neuauflage von „Cool Britannia“

Die Hauptstadt von „Cool Britannia“ setzt wieder einmal Trends, vor allem im Design. Was heute in London hip ist, ist morgen schon in Argentinien oder China zu sehen. Der Geist der Londoner Swinging Sixties mit seiner optimistischen und hedonistischen Energie ist bis heute in der Kreativität der Stadt zu spüren. Das konnte ich ganz klar erkennen, als ich mich bei Rococo Chocolates mit dem Design-Guru Geraldine Tan unterhielt. „Ich habe dich hierhergebracht, weil dies im Sommer mein kleiner geheimer Rückzugsort ist, an dem ich die beste heiße Schokolade der Stadt genieße ­– und ihr Konfekt ist köstlich!“, schwärmt sie. Sie zeigte mir auf ihrem Tablet einige der neuesten Design-Gadgets für Fotografen. Während wir durch die Geschäfte liefen, musste ich einfach einige der verrücktesten Böden fotografieren, die ich je gesehen habe.
The Drift
The Drift
Hudsonshoes Shoreditch
Hudsonshoes Shoreditch
Anthropology
Anthropology
Holiday Villa Hotel
Holiday Villa Hotel
St. Pancras Renaissance Hotel
St. Pancras Renaissance Hotel
Leinster Gardens
Leinster Gardens

Zurück in die Vergangenheit

Da dies meine letzte Reise für Bodenfotografien ist, habe ich mich dazu entschieden, mir eine Nacht in einem Luxushotel zu gönnen. Ich befolgte den Rat von Reisebloggerin Sarka Babicka und buchte mich im Saint Pancras ein, einem beeindruckenden neugotischen Gebäude von 1873 mit einem wunderschönen Treppenaufgang aus Eisen und Stein von Gilbert Scott und ockerfarbenen Wänden mit goldfarbenen Fleur-de-Lys-Verzierungen. Ein bemerkenswerter Ort. Was mich daran aber am meisten beeindruckte, dürfte leicht zu erraten sein: der Boden. Sarka wusste, warum sie mir diesen Ort empfehlen musste. Der Boden ist ein aufwendiges Miteinander von Fliesen mit Mosaikbändern. Ich konnte die berühmten enkaustischen Fliesen sehen ­– gebackenes und verziertes Steingut, das an mittelalterliche Böden erinnert. Während des Wiederauflebens der viktorianischen Gotik wurden sie in Massenproduktion hergestellt, um der Nachfrage gerecht zu werden. Sarka brachte mich außerdem zum Mittagessen zu The Drift. Als ich den oben liegenden Hauptraum betrat, wurde mir klar warum: Zu sehen sind dort wunderschöne schwarz-weiße Fliesen, die vom Boden bis zur Decke um die Bar herum verlaufen. Statt unten zu sitzen und Essen zu bestellen, haben wir dort Fotos aufgenommen.
L'escargot
L'escargot
O'Dell's
O'Dell's
Electric House
Electric House
Côte Brasserie
Côte Brasserie
Primrose Bakery
Primrose Bakery
Hawker
Hawker

Die inneren Werte

Einige der schönsten Innenausstattungen, die ich in London sah, verstecken sich hinter grauen und anonymen Fassaden. Liegt hinter dem zurückhaltenden Äußeren der Briten vielleicht auch ein romantisches Inneres? Lifestyle-Influencer Tun Shin Chang brachte mich zur Calver Avenue, wo man sich in das East London mit seinen Backsteingebäuden von einst zurückversetzt fühlt. Doch dies ändert sich, sobald man die Geschäfte und Cafés betritt. Nehmen wir beispielsweise O'Dell’s: „Das ist eines der schicken Geschäfte für Kleidung und Lifestyle für Männer“, erzählte er mir. „Das erkennt man am dekorativen Interieur und an seinem wunderschönen Fliesenboden.“
Bank of England
Bank of England
Tate Britain
Tate Britain
Bank of England
Bank of England
V&A Museum
V&A Museum
Royal College of Art
Royal College of Art
Leighton House Museum
Leighton House Museum

Auf den Spuren Anreps

Die Kunst der Fußböden hat in London einen Namen: Boris Anrep. Der russische Künstler, der im 19. Jh. im Vereinigten Königreich arbeitete, begeisterte sich so sehr für historische italienische Mosaiken, dass es zu seiner Leidenschaft wurde, sie herzustellen. Als Gavin Webb mich zur Bank of England, einem prächtigen Gebäude, das einige von Anreps Meisterwerken enthält, brachte und ich seine Arbeiten sah, konnte ich seine Begeisterung nur allzu gut nachempfinden. Gavin brachte mich jedoch auch zu einem Ort, der für ihn „ein verstecktes Juwel Londons“ ist: das Leighton House, das 1865 als Atelier des Malers Sir Frederick Leighton erbaut wurde und nach dem Willen des Künstlers ein dekoratives Bodenmosaik im römischen Stil enthalten hat. „Das Atelier enthält zudem einen beeindruckenden Arabischen Saal und einen geheimen ‚Briefkasten‘, mit dem man große Leinwände in und aus dem im Obergeschoss liegenden Atelier transportieren konnte, ohne dabei die Treppen zu benutzen“, sagte er. Er zeigte mir außerdem einen kleinen Raum mit einem Kamin, in dem sich das Modell des Künstlers umziehen konnte, ohne dabei zu frieren.
St. James Park
St. James Park
The Oxford Arms
The Oxford Arms
Best Plan No Plan, Kensington
Best Plan No Plan, Kensington
Electric House
Electric House
The Paesant
The Paesant
The Warrington Hotel
The Warrington Hotel

Die Seele der Stadt

Böden erzählen viel von der Seele einer Stadt. Im Fall von London sagen sie es auch mit Worten, und zwar mit wunderschönen Nachrichten, die in Stein gemeißelt und in Mosaiksteinchen verewigt wurden. Viel wichtiger ist jedoch, dass sie eine besondere Atmosphäre schaffen. Die Böden alter Kirchen erhalten zum Beispiel nach Jahrhunderten der täglichen Nutzung eine Patina. Die Böden moderner Restaurants sind glänzend und auffällig. Die Böden von Wohnungen erzählen vom Privatleben derer, die über sie liefen. Das Schöne an London ist, dass man all dies an einem Ort sehen kann. Die Seele der Londoner Böden ist die einer heterogenen Stadt, die Wert auf Traditionen legt, sich jedoch gleichzeitig immer wieder neu erfindet.
License: Creative Commons Attribution No Derivatives 4.0
Karte herunterladen