Ladenschilder erzählen weit mehr als ein großer Name oder eine Beschreibung; sie erzählen mit Stolz von einer erfolgreichen Geschichte – oder von einem Talent. Sie sind wie das Sinnbild der Begabung, der Sorgfalt und der Eleganz, die einst das Arbeiten in Mailand prägten. Ein kurzer nostalgischer Ausflug in die Vergangenheit und den Stolz über das Ergebnis einer langjährigen Arbeit – über die Wegbereiter des „Made in Italy“.
OTTICA ARNALDO CHIERICHETTI

Mit Stil und Weitblick

Arnaldo Chierichetti eröffnete sein Geschäft für Optik und Fotografie im Jahre 1914. Trotz mehrerer Umzüge (der letzte aufgrund einer Bombardierung) blieb es stets an der historischen Kreuzung zwischen dem Corso di Porta Romana und dem Corso di Porta Vigentina angesiedelt. Das heutige Ladenschild ist von 1945. Während seines langen Bestehens war das zunächst von Signor Arnaldo und später von seiner Tochter Elda geführte Geschäft stets der Tradition und dem Fortschritt gleichermaßen zugewandt. 90 Jahre lang hält es eine enge Verbindung zur Stadt, indem es die kulturelle Unternehmensaktivität fördert. Die ausgestellten Fotoapparate und das schöne Schaufenster mit Operngläsern, alten Brillen und Optikinstrumenten, die man sich im Laden ansehen kann, zeugen vom Stilgefühl, von der gekonnten Auswahl von Produkten und der Leidenschaft von Elda und Arnaldo. Vom Rest erzählt ein schönes Buch, das Dott. Cristian Scotti, der aktuelle Geschäftsführer und Mitglied des Verwaltungsrates, uns mit besonderem Stolz präsentiert.


KONDITOREI GIOVANNI GALLI

Gaumenfreuden einer guten Empfehlung

Die Konditorei und Schokolaterie Giovanni Galli ist seit 1911 auf die handgemachte Herstellung von Marron Glacé, Schokoladenkirschen, Pralinen und Mandelgebäck spezialisiert. Die Herstellung der in Mailand so beliebten Marron Glacé ist eine Kunst, die strengen Regeln unterliegt: die Hauptzutat, Kastanie, muss zehn Tage lang in Zuckersirup kochen. Dann erhält sie eine feine Schicht Zuckerguss (die den Geschmack der Kastanie nicht überdecken darf) und kommt schließlich in den Ofen. „Noch heute befolgen wir die Rezepte unseres Urgroßvaters“, sagt Federico Galli, der Inhaber der Konditorei in der 4. Generation. „Unsere Produkte werden in liebevoller Handarbeit mit hochwertigen Rohstoffen und ohne jegliche Konservierungsstoffe hergestellt. Sie zu beschädigen, wäre unverzeihlich“. Dem fügt er hinzu: „Was ich in der Fakultät für Wirtschaft gelernt habe, spiegelt unseren Betieb in keinster Weise wider. Wir sind durch und durch Handwerksmeister; würden wir uns vergrößern, so ginge die Identität unserer Marke und des Geschäfts verloren“ – darüber ist er sich ganz sicher. Anstatt lautstarker Werbung bevorzugt er persönliche Empfehlungen, denn die sind zuverlässig und von Dauer.


GIN ROSA

Ein exklusiver Aperitif

Einige sind der Überzeugung, dass das Gin Rosa um 1860 bei seiner Eröffnung Bottiglieria del Leone hieß; später wurde es nach dem nachfolgenden Inhaber „Caffè Canetta“ benannt, der auch den ersten Aperitif des Hauses erfand: den Costumé Canetta. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erneuerte Luigi Donini (Erfinder des Mistura Donini) das Lokal vollständig und stattete es mit einer Kaffeemaschine und einer modernen Theke aus. 1931 verkauft er es an die Familie Marangione, die aus dem Aperitif den Gin Rosa machte und dem Lokal seinen endgültigen Namen und ein neues Ladenschild gab. Der legendäre Gin Rosa, auf dessen geheime Formel ein weltweites Exklusivrecht besteht, trinkt man entweder allein oder als Basis von unzähligen Cocktails. Vor allem aber trinkt man ihn nur hier, wie all die berühmten Mailänder wissen, welche die Bar mit ihrem Besuch beehrt haben. Seit 1999 ist das Gin Rosa im Besitz der Familie De Luca, welche die Tradition eines Ortes weiterleben lassen, der ein fester Bestandteil der Geschichte der Stadt ist.


MITAROTONDA

Der süße Klang einer Passion

Das Musikgeschäft Mitarotonda folgt seit 1987 der Tradition des legendären Geschäfts Gallini, das bereits im Jahre 1888 eröffnete. „Gallini war der Tempel der Musik – dort bin ich auf Zehenspitzen hineingelaufen“, erzählt uns Paola Mitarotonda, die erste Frau, die in die Vereinigung der italienischen Klavierstimmer eingetreten ist und die Inhaberin des Geschäfts ist. „Es zu übernehmen, war ein Traum und eine große Ehre, und gleichzeitig total verrückt“. Als 2009 die Miete unerschwinglich wurde, ist Signora Paola zum Ende der Straße umgezogen, hat das Ladenschild überarbeitet und die Atmosphäre und die Originalausstattung beibehalten. Im Musikgeschäft findet man 600 Schubladen aus Nussbaumholz für Partituren mit ca. 28.000 Titeln. Dort werden Klaviere, Gitarren, Violinen und Violoncelli verkauft, vermietet und gestimmt. Außerdem findet man dort Zubehör jeder Art (Metronome, Notenständer, Notenpapier, Alben) und stets einen guten Rat. „Ich liebe meine Klaviere und bewundere Musiker. Die Musik ist mühselig und macht gleichzeitig glückselig“. Und Signora Paolas Tempel ist ein Allegro moderato.


EISDIELE SARTORI

Qualität geht über Quantität

Die Geschichte von Andrea Sartori, dem Gründer der Eisdiele, klingt das Klischee vom eifrigen und träumerischen Italiener – aber sie ist wahr. Als Andrea von Treviso nach Mailand zog, arbeitete er als Hilfsarbeiter in einer Eisdiele. Er entdeckte seine Liebe zur Eisherstellung, beschäftigte sich näher damit und kaufte 1937 einen zweirädrigen Handwagen, mit dem er sein eigenes Eis verkaufte. Aus dem Handwagen wurde schließlich ein Stand, den er 1947 an der heutigen Stelle aufbaute. Die Kundschaft von Andrea und seiner Frau nimmt stetig zu und in den besten Jahren half auch Sohn Giorgio mit. Heute führt Enkel Anthony das Geschäft. Das Ladenschild wurde nur selten und nur im Notfall überarbeitet. Das Eis jedoch nie – es ist wie eh und je ganz der Tradition entsprechend handgemacht und cremig. „Wir geben unseren Kundinnen und Kunden, was wir auch unseren Kindern geben“, sagt Anthony. „Wir kennen und wählen alle Zutaten unserer Eissorten, neumodische Tendenzen interessieren uns nicht“. Die besten (wenigen) klassischen Geschmacksrichten, unglaublich leckere Granita und kein Schlumpfeis. Dafür danken wir dir, Sartori!


MUTINELLI

Mit erhobenem Haupt

Das Ladenschild im Jugendstil von 1888 gehört zum ältesten Hutgeschäft von Mailand. Dieser historische Ort mit seinen Böden und seiner Ausstattung aus Zeiten der Jahrhundertwende befand sich stets an derselben Stelle und wird von Anfang an von derselben Familie geführt. Dort findet man ein Meer von Hüten in jeder Form und aus jedem Material: Damenhüte, Schiebermützen, Baskenmützen, Panamahüte und Zylinder aus Filz, Gewebe, Leder, Stroh oder Fell. „Ich bin hier von Modegeschäften der naheliegenden Einkaufsstraße umgeben,“ erzählt uns der Inhaber. „Manchmal denken die Touristen, wir wären ein Museum und fragen, ob man die Hüte kaufen könne.“ Signor Matteo ist zwar ein Liebhaber von Hüten, aber auch Realist: „Die familiengeführten Geschäfte sterben langsam aus. Die Nachkommen können heutzutage jeden beliebigen Beruf ergreifen, und wer kann es sich schon leisten, jemanden auszubilden? Auch wenn die italienischen Hüte zu den besten der Welt zählen, können doch die kleinen Werkstätten die Kosten und das Gebaren in industriellem Umfang nicht stemmen.“ Geschäfte kommen, Geschäfte gehen. Aber Sie bleiben, Signor Matteo – und zwar erhobenen Hauptes.


APOTHEKE FOGLIA

Drogisten 2.0

Die älteste Apotheke Mailands wurde 1835 von der Familie Foglia in einem Lokal eröffnet, in dem sich zuvor ein „pharmazeutisches Geschäft mit eigenem Laboratorium“ befand. Darauf weist auch die Fassade des eleganten Gebäudes aus dem 17. Jahrhundert hin, auf der Flachreliefs im Marmor auf berühmte Chemiker und Wissenschaftler hinweisen. Die goldfarbenen Schriftzüge auf der Fassade wurden hingegen vom Vorgänger des heutigen Inhabers erneuert. Seit 8 Jahren führen Dott. Paolo Vigo und seine Gesellschafter die Apotheke: „Unser galenisches Labor arbeitet rund um die Uhr. Wir bereiten Heilkräuterprodukte, kundenspezifische pharmazeutische Mittel und eine hautkosmetische Linie auf veganer Basis zu, die nicht an Tieren getestet wird“, erklärt er uns. „Unsere Arzneien verbinden von jeher die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und die aktuellen Wünsche unserer Kundinnen und Kunden. Wir verkaufen natürlich Medikamente, aber haben vor allem immer ein offenes Ohr und beraten gern, da ein Apotheker heutzutage schon eher die Rolle inne hat, die früher ein Allgemeinarzt hatte.“ Dem stimmen wir zu, Dottore!


KONDITOREI LUIGI GRECCHI

Der Duft der Gaumenfreuden

Wenn man die Via Piero della Francesca im Stadtteil Milano Sempione entlangläuft, kann es passieren, dass man von einem Duft überwältigt wird, der einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt: dem Duft der typischen Mischung aus Mürbeteig und den unterschiedlichsten Cremefüllungen der hausgemachten Konditorkunst. Das Geschäft mit dem eleganten Ladenschild wurde 1959 von Luigi Grecchi eröffnet. Das Familienunternehmen wird heute von seinem Sohn Antonio geführt, der mit derselben angeborenen Leidenschaft eines wahren Konditors ans Werk geht. „In puncto Qualität und Originalität gehe ich keine Kompromisse ein“, so Antonio. „Dieses Prinzip halten wir in Ehren und es hat sich immer ausgezahlt – auch in Krisenzeiten.“ Man merkt ihm an, dass ihn seine Arbeit mit Stolz erfüllt, wenn man bedenkt, dass er täglich 12 bis 15 Stunden arbeitet und eine immer anspruchsvollere Kundschaft zufriedenstellen muss. „Wenn man ein Lächeln bekommt, erfüllt uns das immer mit Freude“, sagt er. „Vor allem zur Weihnachtszeit, wenn wir uns mit individuell gestalteten Verpackungen, Pralinen und Hefegebäck, wie Panettone und anderen typischen Gaumenfreuden, austoben können“ – an dieser Stelle können wir nicht anders, als uns diesen hinzugeben...


COMORETTO

Glühbirnen und Widerstand

Signora Ada Comoretto (88 Jahre alt) gehört seit 1943 das Elektrofachgeschäft, das einst von ihrem Vater eröffnet wurde. Was sie jedoch wirklich „widerstandsfähig“ macht, ist ihr kleines Geschäft in der berühmten Amüsiermeile des Mailänder Nachtlebens Corso Como. Umringt von schicken Boutiquen und trendy Lokalen wirkt das Ladenschild (das nur im selben alten Stil erneuert wurde, weil es schon auseinanderfiel) des Elektrofachgeschäfts Comoretto sehr sympathisch. Den vielen Interessenten zum Trotz, die das Geschäft kaufen wollten, um daraus noch eine Bar zu machen, verkauft Signora Ada auch weiterhin Glühbirnen und eine unglaubliche Vielfalt von kleinen Ersatzteilen – und akzeptiert auch weiterhin keine Kreditkarten. „Corso Como hat die einstige Atmosphäre des Stadtviertels verloren“, erzählt sie. „Gute Beziehungen zwischen den Geschäftsinhabern gibt es nicht mehr wie früher, weil die Verkäufer kommen und gehen. Ihr Geschäft – das sind nicht sie. Mein Geschäft hingegen ist wie mein eigen Fleisch und Blut.“ Und darauf ist Signora Ada stolz. Vor allem auf ihre Kundschaft, die auch einfach mal vorbeikommt und sie besucht... auch einfach nur für ein kleines Schwätzchen.


PETTINAROLI

Stolz auf die Tradition

Das Ladenschild von Pettinaroli stammt vom Ende der 50er Jahre, doch im Geschäft selbst findet man noch die Originale von 1881. Es entstand ursprünglich als Schreibwarenhandlung mit dazugehöriger Typographiewerkstatt und Buchbinderei. In all den Jahren wurden dort Visitenkarten, Einladungen zu Hochzeiten, Taufen und Kommunionen und vieles mehr gedruckt und den wichtigsten Ereignissen der Mailänder hochwertiges Papier und kostbare Arbeiten gewidmet. Signor Francesco, der den Namen des Urgroßvaters, dem Gründer des Geschäfts, trägt, mag die Bezeichnung „Schreibwarenhandlung“, auch wenn dies wenig mit seinem Laden zu tun hat, denn hier findet man elegante, in Leder eingeschlagene Hefte (die sich tatsächlich sehr gut verkaufen) und einige originelle Geschenkideen – alles hergestellt in kleinen, traditionellen Mailänder Werkstätten. Signor Francesco liebt alte Drucke, vor allem geographische. „Zu mir kommen wirklich viele Liebhaber, Kartografen und Sammler“, erzählt er uns mit einem Lächeln. „Wer sich spezialisiert, hält den Krisen stand.“ Dazu wird allerdings sicher auch seine Liebe zur Tradition der Mailänder Typographie beigetragen haben.


PICCOLO, UHRENGESCHÄFT UND GOLDSCHMIEDE

Ein alter, ehrenwerter Beruf

Das Schmuckgeschäft Piccolo eröffnete 1918 – wie man auch dem Ladenschild entnehmen kann – in einem historischen Gebäude im Herzen der Stadt. Der damalige Besitzer Signor Tommasi bot es 1986 einem jungen, passionierten Uhrmacher an: Ivano Piccolo akzeptierte und führt das Geschäft seitdem auch weiterhin mit Leidenschaft. Wer hierher kommt, findet schon fast ein kleines Museum mit antikem Schmuck, Edelsteinen und „alternativen Materialien“ vor, auf deren Suche er sich mit Eifer begibt. In seiner Werkstatt findet man einige wertvolle Gegenstände der 40er Jahre, so zum Beispiel eine alte Drehbank, eine Waage und eine Kommode mit verschiedenen Teilen der Uhrmacherei – denn Signor Piccolo verkauft nicht nur hochwertige Uhren, sondern er repariert sie auch. In seinem Laden ist einzig und allein er dafür zuständig, wie er sagt: „nach 30 Jahren macht mir das immer noch Spaß – so sehr, dass ich alle Arten repariere, denn für ihren Besitzer sind sie immer wertvoll.“ In Zeiten der totalen Digitalisierung übt dieser alte Beruf, in dem Handwerk und Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen, eine große Faszination aus.


DITTA GUENZATI

Wie Tränen im Regen

„Im Herbst wird unserem Geschäft, wie auch anderen, vom Palazzo delle Assicurazioni Generali der Mietvertrag gekündigt, um den üblichen berühmten Modemarken Platz zu machen. Wir haben uns an den Inhaber, an die Berufsverbände, an die Stadt, an die Region und an die Medien gewandt, weil man einen Teil, der zur Geschichte der Stadt gehört, nicht einfach verschwinden lassen sollte.“ Die Worte von Luigi Ragno schmerzen; er ist der Sohn des damaligen Inhabers, der dem Geschäft seine endgültige Prägung verlieh und in das Textilien-Sortiment Bekleidung und typisch britische Accessoires aufnahm, mit denen das Geschäft weltweit so viel Ruhm erlangt hat. Stattdessen wollten wir vom ältesten Unternehmen Mailands berichten, das 1768 gegründet wurde – 250 Jahre im Verkauf, zwei Filialen, drei Familienbetreiber und eine Änderung des Ladenschilds, als das alte nach dem Umzug in den Palazzo delle Assicurazioni Generali im Jahre 1960 den umgebenden Schildern angepasst wurde. Wir hätten lieber von einer unveränderten Tradition von Stil, Geschmack und Leidenschaft berichtet. Aber all dies soll im September einfach weggewischt werden – wie Tränen im Regen.


HEMDENGESCHÄFT CORDUSIO

Klassischer Chic

Das Ladenschild des Hemdengeschäfts Cordusio ist seit 1943 unverändert. Keine Großbuchstaben, nichts, was einem sofort entgegenspringt. Es ist beinahe leise. Mit selbstbewusster Nichtbeachtung der Werbung hat der Herrenausstatter keine Webseite, er ignoriert die sozialen Netzwerke und baut auf keine Rezensionen. Die einzige Form der Kommunikation, welche der Inhaber Massimo Canziani (der Sohn des Gründers) akzeptiert, ist die Weiterempfehlung – die seit 37 Jahren offensichtlich ganz hervorragend funktioniert. Der Angestellte Luca erzählt uns, dass in diesem Geschäft das Wort zählt, denn das Geschäft begründet auf der Beratung, auf Vertrauen und auf der Beziehung, die man mit der Zeit zu den Kunden aufbaut. Und ein zufriedener Kunde schickt weitere vorbei. Das Hemdengeschäft hat mit vielen Stars der Mailänder Journalistenszene zusammengearbeitet – wohin hätte zum Beispiel der große Indro Montanelli auch sonst gehen können? „Wir müssen zäh sein“, sagt Luca. „Heutzutage gibt es viel Konkurrenz mit schlechter Qualität. Man darf nicht der Versuchung nachgeben, bei der Qualität Abstriche zu machen.“ Liebe für's Detail, klassische Schnitte, Bundfaltenhosen – manchmal sind Veränderungen gar nicht so schön.


HISTORISCHER BARBIER COLLA

Der Barbier von Mailand

Der historische Barbier Colla eröffnete sein Geschäft 1904, zog jedoch 1944 zur aktuellen Adresse um. In den 60er Jahren erhielt der zweite Inhaber, Guido Mantovanini, Unterstützung durch Franco Bompieri, der das Geschäft 1975 übernahm und dessen Name seitdem auf dem Ladenschild zu sehen ist. Wie berühmt der Barbier mit seiner historischen Einrichtung und dem Zubehör aus dem frühen 19. Jahrhundert ist, erkennt man an den handsignierten Fotos, mit welchen die Wände des Geschäfts geschmückt sind. Das überrascht nicht, denn Haare und Bart werden hier wie in alten Zeiten gepflegt – der Mode zum Trotz! Seit 70 Jahren lernt, beobachtet, notiert und setzt Signor Bompieri seine geschickten Hände nun schon ein. Die Produkte, die er in seinem Geschäft verwendet, zeugen von einer alten Handwerkskunst. Sie sind die Früchte seiner Arbeit und der seiner Tochter Francesca, welche die Zukunft ganz klar sieht: „Es gibt Dinge, die werden sich nie ändern: der Respekt vor anderen und vor der Arbeit, und immer sein Bestes geben zu wollen. Menschlichkeit. Dieser Ort ist das Kind all derer, die dies stets so gewollt haben.“


PECK

Qualität, die sich durchsetzt

Die Geschichte der berühmtesten gastronomischen Einrichtung Mailands begann im Jahre 1883, als der ursprünglich aus Prag stammende Wursthändler Francesco Peck ein kleines Geschäft in der Via Orefici eröffnete. Sein Angebot an geräucherten Wurst– und Fleischwaren war so hoch geschätzt, dass ihm die Ehre zuteil wurde, Belieferer des Königshauses zu werden. 1918 erwarb Eliseo Magnaghi das Geschäft und zog damit in die Via Spadari um, wo es sich noch heute befindet. Peck wird zum Treffpunkt der Mailänder Elite – hier trafen sich berühmte Persönlichkeiten, Autoren und Intellektuelle. In den 50er Jahren wird die Kultur der Mittagspause auf dem Tresen von Peck eingeweiht, die um Welten einladender als eine Betriebsmensa ist. Das heute zu sehende einladende Ladenschild wurde 1997 von der Familie Stoppani angebracht (die auf die Familie Graziali folgte). Seit 2013 wird das Geschäft von Pietro Marzotto geführt. Im Gastronomietempel findet man heute nur das Beste: höchste Qualität, erste Wahl, Eleganz, Professionalität, Freundlichkeit... und dementsprechende Preise. Ansonsten ist Peck eines der Aushängeschilder der italienischen Lebensmittel in der ganzen Welt – und gehört nicht mehr „nur“ den Mailändern.


BUCHHANDLUNG BOCCA

Ein Stück Kultur mit Unterstützung der Stadt

Es gibt Orte, an denen man sich beim Betreten automatisch den Hut abnehmen möchte, auch wenn diese eine überschaubare Größe von 50 Quadratmetern haben. Die Buchhandlung Bocca hat ihre Türen schon im Jahre 1775 geöffnet und ist wahrscheinlich die älteste in ganz Italien. Eröffnet von den Gebrüdern Bocca in Turin hatte sie einst fünf Filialen, von denen nur jene in der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II von 1930 überlebt hat. In ihrer unendlich langen Liste von Auszeichnungen findet man jene, auf die der heutige Inhaber Giorgio Lodetti ganz besonders stolz ist: 2007 wurde sie von der Italienischen Stiftung für Denkmalpflege und Naturschutz (FAI) zum “Ort des Herzens” gewählt. In der Buchhandlung, die heute vorwiegend auf den Bereich der Kunst ausgerichtet ist, wurden die Werke der wichtigsten Vertreter des 19. und 20. Jahrhunderts gedruckt - Bücher, welche dazu beigetragen haben, das alte soziale Gleichgewicht ins Wanken zu bringen und die Entwicklung des Denkens voranzubringen. Und doch bestand in schwierigen Zeiten die Gefahr, dass sie schließen musste - doch die sind dank der Stadtregierung von Pisapia und der bis 2025 geltenden Erneuerung der Konzession zu tragbaren Geühren vorbei. Zum neuesten Eintrag in ihr Geschichtsbuch zählt die Partnerschaft mit dem Kunstverlag Skira.


MEJANA

Rückkehr zum Original

Das historische Geschäft Mejana wurde 1911 bei der Handelskammer als Messergeschäft und Herrenausstatter für Lederwaren eingetragen. Inzwischen ist es seit 1917 in der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II vertreten und auf den Verkauf von Füllern und Schreibwaren spezialisiert. Mit dem aktuellen Besitzer, der das Geschäft in den 90er Jahren von seinem Vater übernahm, wird es mittlerweile in der fünften Generation der Familie Mejana geführt – ein Rekord. Signor Roberto ist sich als Unternehmer darüber bewusst, „dass es heutzutage nicht mehr genügt, einfach nur Füller im Sortiment zu haben. Ein historisches Geschäft muss etwas aus eigener Produktion und in Handarbeit hergestellte Besonderheiten aus der Region anbieten, anstatt einfach nur Dinge zu verkaufen. Wir bieten nicht nur unsere „historischen” Artikel (die mittlerweile ein Nischenprodukt sind) an, sondern haben auch eine neue Lederproduktion eröffnet. Im Internet kann man Füller aller Marken kaufen – aber qualitativ hochwertige Taschen, die in Handarbeit in der Region exklusiv für uns hergestellt werden – so etwas gibt es nur bei uns“. Dies scheint uns weniger ein neuer Trend als eine Rückkehr zu den Ursprüngen einer Werkstatt zu sein, oder eher: eine Rückkehr zum Original.


KUNSTDRUCKE CENTENARI

Aus altem Holz geschnitzt

Das seit 1860 unveränderte Ladenschild dieses historischen Geschäfts scheint eine Vorschau auf das zu sein, was einen im Inneren erwartet. Dabei trägt das Geschäft den Familiennamen der Gründer, Centenari, die im Jahr vor der Vereinigung Italiens einen Kunsthandel mit Drucken, Gemälden, Rahmen und kostbaren Gegenständen in der edlen Galleria Vittorio Emanuele II im Herzen Mailands eröffneten. Das Geschäft gehört seit nunmehr 50 Jahren der Familie Comini. Sandra, Gianni und Marcello verkaufen auch heute noch mit Leidenschaft Kunstdrucke (jedes Werk ist ein Original) und beraten mit Geduld ihre Kundinnen und Kunden, die – zum Glück – auch heute noch den Unterschied zwischen einem Holzschnitt und einer Radierung wissen möchten, oder wozu eine Drehbank dient, was eine Matrize ist, wie eine Ikone hergestellt wird. „Die Leidenschaft für die Kunst und das Handwerk hält uns am Leben“, erzählt Signor Marcello. „Wir wollen nicht, dass sie verschwindet.“ Einer Dame, die nach einem der Flachreliefs aus Holz fragt, die sie vor einiger Zeit im Schaufenster sah, antwortet er: „Die waren von einem Südtiroler Künstler, leider sind sie ausverkauft“ – hier gibt es eben keine Fotokopien.


TABAKGESCHÄFT NOLI

Rauch ist nicht gleich Rauch

Raucherartikel - NOLI. Tabak, Zigarren, Wertmarken. Diese Aufschrift findet man auf dem Ladenschild über der Vitrine des historischen (und superzenralen) Mailänder Tabakgeschäfts. Ein Name in Kursivschrift, der einer Unterschrift ähnelt. Das Geschäft, das sich seit 1927 in der Mailänder Galleria Vittorio Emmanuele II befindet, wurde 1973 von Leonardo Noli übernommen, der es noch heute gemeinsam mit seinen Kindern Luca und Simona führt. Signor Noli gibt mit einem Lächeln zu, dass er nie geraucht hat - trotz alledem sind seine Zigarren eine sorgfältige Auswahl von italienischen und internationalen Marken höchster Qualität. Jene, die seinen Namen tragen, werden in Nikaragua produziert und sind für ihn wie „sein eigenes Kind“. Leonardo Noli bezeichnet sich als indirekten Experten, der uns geduldig erklärt, wozu ein Humidor dient und welche Unterschiede zwischen den wunderschönen Pfeifen, die man in seinem Angebot bestaunen kann, bestehen. Vielleicht liegt es daran, dass ihm seine Arbeit noch immer Spaß macht, vielleicht weil es ihm gefällt, darüber zu sprechen – aber dank seiner Erzählungen (man verzeihe uns die gesundheitlich unkorrekte Aussage) erscheint das Rauchen eine Kunst.


BERNASCONI

Kunstvolles Silber

Die aktuellen Besitzer der funkelnden Boutique in der Via Manzoni gehören zur vierten Generation der Silberschmiedfamilie Bernasconi, die im Jahre 1872 ihre erste Werkstatt eröffnete und der 1924 der ehrenvolle Titel „Hoflieferanten des Königshauses Savoyen“ verliehen wurde. Der letzte Umzug der historischen Werkstatt, die sich heute im sogenannten „Viereck der Mode“ zwischen Läden namhafter italienischer und internationaler Designer befindet, ist den Cousins Claudio und Maurizio zu verdanken. Über die Jahre kamen zu den kunsthandwerklichen Silberarbeiten auch Produkte aus natürlichen Materialien hinzu. Es heißt, dass Ginevra, die Ehefrau des Gründers Ernesto, ein gutes Gespür für den Verkauf hatte. Inspiriert von den üppigen Pflanzen des Gartens ihres Hauses in Äthiopien ließ sie in den 30er Jahren an ihrem Silberservice Bambusgriffe anbringen. Während ihrer Rückreise ging das Service zwar verloren, nicht jedoch ihre Idee – die von den Nachkommen in die neue, nach ihr benannte Kollektion aufgenommen wurde.


Und was haben wir daraus gelernt?
Ausdauer, Stolz, Leidenschaft, Respekt und Würde. Anstand, Wissen, Humor, Hoffnung und Ironie, Fatalismus, Widerstand, gelebte Geschichte und Visionen der Zukunft. Wir danken „unseren“ Ladenbesitzern dafür, dass sie ihrem Ärger Luft gemacht haben und ihren Verdruss zum Ausdruck gebracht haben (der jedoch nie Verzweiflung war). Für das wundervolle Italienisch (das nicht immer erwartet werden kann). Und für die trockene und gleichzeitig doch so freundliche Mailänder Sprechart. Mit diesem Nachgeschmack eines zurückhaltenden Sarkasmus, den einzig und allein der echte Mailänder beherrscht.
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